
Eine Behauptung ist eine Aussage wie eine Bewegung: eine Aufrichtung in der Wirbelsäule und ein Heben des Kopfes. Sie liefert eine Vorlage und eröffnet das Spiel: Sie ist eine Aussage und zugleich eine soziale Handlung, denn sie fordert für den geäußerten Satz Allgemeingültigkeit ein. Behauptungen können wahr oder falsch sein - hierher rühren ihr schlechter Ruf und ihr produktives Potenzial. Sie sind Vorschläge, Realitäten zu schaffen und sich über diese hinaus zu (ent)werfen. Sie sind offen, direkt und explizit. Sie können bezweifelt, bekräftigt, bewiesen oder widerlegt werden. Sie schaffen Steilvorlagen für gesellschaftliche Auseinandersetzungen, für Denk- und Frageprozesse. Sie stehen stets unter dem Verdacht der Manipulation, des Betrugs und der Hochstapelei und bewahren einen Rest Fragwürdigkeit: Sie sind es würdig, befragt zu werden.
Behauptungen sind gesellschaftsstiftend, da sie Gemeingültigkeit beanspruchen, sich stets auf einen Wahrheitsgehalt beziehen und also Beweisführung einfordern. So fragt RECHERCHEN10: Behauptungen danach, in welchen konsensfähigen, aber auch konflikthaltigen Begrifflichkeiten die Gegenwart eingerichtet ist, indem sie ihre Gültigkeit abklopft und ihren Verweisungen folgt. In ihrer Neuformulierung geht es nicht darum, Kontingenz zu erzeugen, sondern Behauptungen zu entwerfen, die um ihre Fragwürdigkeit wissen, ohne von ihrem Geltungsbewusstsein abzurücken.
RECHERCHEN10: Behauptungen lädt disziplinübergreifend Wissenschaftler und Künstler an sechs Abenden ein, Behauptungen zu machen. Sie liefern Vorlagen zur Auseinandersetzung und nähern sich dem Themenfeld aus unterschiedlichen Richtungen, untersuchen es und stellen es zur Diskussion. Dabei werden die Fragen nach Behauptungsmacht, -legitimität und -notwendigkeit auf der Schwelle von Kunst und Politik, Theater und Gesellschaft angesiedelt.
PROGRAMM
I. FREIHEIT 20.4. 20 Uhr
Marcus Steinweg: Definition der Freiheit | Tanz
II. RECHT 27.4. 20 Uhr
Christoph Menke: Philosophie der Menschenrechte | Performance
III. LIEBE 11.5. 20 Uhr
Zufit Simon: Adom Modulations | Vortrag
IV. ZUKUNFT 25.5. 20 Uhr
Alexander Karschnia&Co. feat. club collage: dass das da. Das Utopische Schreiben | Installation
V. GESCHICHTE 8.6. 20 Uhr
Tim Etchells: City Changes | Vortrag
VI. ENDE 22.6. 20 Uhr
Friederike Thielmann & Florian Ackermann: Gesänge der Landstraße. Wiederaufnahme | Vortrag
Künstlerhaus Mousonturm • Waldschmidtstraße 4 • 60316 Frankfurt am Main
Kartentelefon: 069 / 40 58 95 - 20 • Eintritt: 5 € • Info:
www.transportcafe.de
Eine Reihe von Esther Boldt und Nadine Vollmer. In Kooperation mit dem Künstlerhaus Mousonturm und Tanzlabor_21. Unterstützt vom Kulturamt der Stadt Frankfurt am Main und der Hessischen Theaterakademie.
Esther Boldt (*1979) studierte Angewandte Theaterwissenschaften in Gießen. Seit 2005 freie Theaterkritikerin und Journalistin in Frankfurt am Main, u.a. für nachtkritik, ballettanz, corpus und die taz. Scout beim Festival Impulse 2007 und 2009, Jurymitglied beim Hörspiel des Jahres 2009.
Nadine Vollmer (*1981), studierte Medien- und Kulturwissenschaft in Düsseldorf und Nantes sowie Dramaturgie in Frankfurt am Main und Paris. War zuletzt am schauspielfrankfurt engagiert und arbeitet inzwischen als freie Dramaturgin u.a. für das Schauspielhaus Bochum, den Stückemarkt des Berliner Theatertreffens und die Schillertage 2011 am Nationaltheater Mannheim.