Pressemitteilung, erstellt am Fr. 16.03.2018

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,

der Großteil unseres Programms im April steht mit „im*possible bodies. performing sharing celebrating. Festival für utopische Praxis“ (17.-29.4.) im Zeichen der Auseinandersetzung mit ermächtigenden Antithesen, Ästhetiken, Narrativen, Prozessen und politischen Ansätzen. Das Festival stellt queere, migrantisierte, Schwarze und of Colour-Perspektiven vor, setzt sich mit marginalisierten Körpern auseinander und bietet auch Frankfurter Initiativen ein Forum.

Eine selbstbestimmte Biografie entwirft Tucké Royale, Berliner Performer (u.a. am Maxim Gorki Theater) und Musiker der BOIBAND mit seinem jüdisch-queeren Rachemusical „Mit Dolores habt ihr nicht gerechnet“ (17.4., 20.30 Uhr). Es erzählt von den Zwillingen Ida (die von den Nazis deportiert wird) und Dolores, die vermeintlich als Junge zur Welt kommt und später, als Tänzerin umschwärmt, die Gelegenheit zu erbarmungsloser Rache an den Logistikern des Holocaust nutzt. Biografien queerer jüdischer Widerstandskämpfer und -kämpferinnen verschmelzen im Stück miteinander und setzen dem Stereotyp jüdischer Ohnmacht die Vergeltung der deutschen Schuld entgegen. Kongenial musikalisch gerahmt von der Live-Band mit Ted Gaier (Goldene Zitronen), Yuriy Gurzhy, Angy Lord und Paula Sell.

Mit zwei Arbeiten, deren großes Thema der Verlust ist, kommt der nigerianisch-amerikanische Kurator, Poet und Performance-Künstler Jaamil Olawale Kosoko erstmals an den Mousonturm. „#negrophobia“ (19.4., 20 Uhr) ist eine eindringliche, von Schmerz getriebene Arbeit, die er seinem ermordeten Bruder, dem Kampf gegen rassistisch motivierte Gewalt und der historisch gewachsenen, gesellschaftlich tiefsitzenden Angst vor dem erotisch aufgeladenen männlichen Schwarzen Körper widmet. „Séancers“ (21.4., 21 Uhr, Deutsche Erstaufführung) ist eine atmosphärisch dichte Auseinandersetzung mit dem US-amerikanischen „racialized body“ und eine autoethnografische Reise durch den Kolonialismus, auf der Kosoko uns in surreal-fantastische Welten Schwarzer Imagination führt.

Musik mit selbstgebauter Harfe (Hans Unstern) zwischen Politik und Glam, Konzert und Performance, Herosexuality und Utopie, heimatlos zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit und Liebe in toxischer Umgebung, das macht die BOIBAND (20.4., 20 Uhr).
 

Mit matriarchalischen Gesellschaften, die es, außer in Europa, auf allen Kontinenten gibt, setzt sich Simone Dede Ayivi auseinander, die mit „QUEENS“ (21.4., 19 Uhr, Mousonturm-Koproduktion) nun ihre dritte Arbeit am Haus zeigt. Was Konzepte von Geschlecht und Familie jenseits patriarchal-westlicher Formen des Zusammenlebens für unsere Zukunft bedeuten können, befragt die aus Hanau stammende Schwarze deutsche Künstlerin in ihrer interdisziplinären, intersektionalen, afro-feministischen Solo-Performance.  

In ihrer tänzerischen Performance „و WOW“ (23.4., 20 Uhr & 24.4., 18 & 21 Uhr, Mousonturm-Koproduktion im Rahmen der Tanzplattform Rhein-Main) agieren die transdisziplinär arbeitende Nuray Demir und die Choreografin Tümay Kılınçel mit Dingen, die für unterschiedliche Communities in Deutschland eine spezifische  Bedeutung haben: Teppiche, Tücher, Tulpen und Göttinnen, Gesang und Theremin-Musik verschmelzen durch Loops und Remixing zu neuen irritierenden Deutungen und kreieren einen Erinnerungs- und Referenzraum, der Narrative über Migration befragt und neu erzählt.
 

Das brasilianische Kollektiv Andrez Ghizze, Caio, Dani Barra, Feliz, Kupalua, Luiz Gustavo wählte mit „Macaquinhos“, ihrer ersten, körpernahen und intimen Choreografie, die im Rahmen des „Projeto Brasil“ 2016 im Mousonturm zu sehen war, den Anus als Metapher für die südliche Hemisphäre. In ihrer neuen Arbeit mit dem herausfordernd ironischen Titel „Zoo“ (25.4. & 26.4., 20 Uhr, Uraufführung, Mousonturm-Koproduktion) befasst sich das Kollektiv mit dem Norden als Ur-Hort hegemonialen Kulturverständnisses und lädt mit seiner Recherche um Strategien, Privilegien, Erinnerung, Macht, Territorium, Blick und Colonial-Hangover erneut zu unerschrocken sinnfälliger Körperbetrachtung.

Auf Zulu bedeutet FAKA „besetzen“ oder „penetrieren“ und genau das haben Desire Marea und Fela Gucci aka FAKA vor: Mit Kunstperformances und ihrer wilden Partyreihe „Cunty Power“ treten sie für Schwarze, queere Identität*en ein. International gefragt, (Berghain, Berlin Biennale, CTM Festival, MELT Festival), macht das Duo, berühmt für seine psychedelischen African- House-Performances, einen Abstecher in den Mousonturm (27.4., 21 Uhr).

Durch Schwarze Queerness, unterschiedliche mentale Zustände und Texturen hingegen navigiert die britische Choreografin und Performerin Jamila Johnson-Small als Last Yearz Interesting Negro in ihrer Tanzperformance I ride in colour and soft focus, no longer anywhere” (28.4., 20 Uhr, Erstaufführung im deutschsprachigen Raum) und überwindet darin verfestigte Binaritäten und eindeutige Projektionsmöglichkeiten.

Während des ganzen Festivals bietet das „Wonder-Inn“ (17.–29.4., am Eröffnungsabend 17.4. ab 19.30, dann täglich 16 -22 Uhr), das Ayla Pierrot Arendt und Carolina Mendonça als eine fluide Rauminstallation mit transluzenten Wänden, körperförmigen Oberflächen und sich verändernden Farb- und Lichtstimmungen gestalten haben, einen Raum für Queere Verbindungen, Diskussionen, Tanz, Queer Talks und Drinks, einen Raum für Austausch, Workshops und Aktivitäten in Kooperation mit den Frankfurter Initiativen Queergehört - Die Queere Ringvorlesung, SUQ – solidarisch, unaufgefordert, queer und RaSch - Ranzfurter Schwestern. Das komplette Programm steht auf www.mousonturm.de.

Mit „Queer B-Cademy – Teachings of Post-Academic Knowledge“ (26.–29.4.) transformiert Danny Banany den Mousonturm in einen Tempel queerer Wissensvermittlung, in dem queere Utopien, futuristische Praxis und intersektionale Perspektiven in verschiedenen Formaten und Workshops in den Mittelpunkt rücken. Viel Spaß verspricht dann (fast) zum Schluss KICK-ASS-QUEEREEOKÉ (28.4., 21.30 Uhr) und lädt alle Nichtkonformist*innen herzlich ein, euphorisiert, schräg, heiser, verschwitzt, poppig, kratzig, grölend, freestyle und nach Herzenslust Gassenhauer, All-Time-Classics und vergessene One-Hit-Wonder zu performen. Hosted by Danny Banany, Missy Lopes, Sven Saim.


TANZ, THEATER & PERFORMANCE

Die begeistert aufgenommenen „Complete Works: Table Top Shakespeare“ an 9 Tagen im Februar waren nur der Auftakt: Nun präsentieren wir in Frankfurt die Weltpremiere von „Out Of Order“, das neue Stück der legendären britischen Performancegruppe Forced Entertainment, im Bockenheimer Depot (Uraufführung am 27.4., 20 Uhr, neun weitere Vorstellungen: 28.4., 2.-5.5., 15.-18.5., jeweils 20 Uhr). Um dies zu realisieren, hat sich der Mousonturm mit dem Schauspiel Frankfurt zusammengetan und das Werk nicht nur gemeinsam in Auftrag gegeben, sondern auch maßgeblich koproduziert. Die Arbeit ist zudem der Auftakt zu einer Kooperationsreihe zwischen Mousonturm und Schauspiel, die fortan einmal pro Saison im Bockenheimer Depot gemeinsam eine neue Performance produzieren werden.
 

Ksenia Ravvina und Kristina Veit widmen sich in „Makulatur“(10.-12.4., 19.30 Uhr, Frankfurt LAB), das als Ausstellungsprojekt startete, Ideen, die verworfen und nie realisiert wurden. Aus diesem kreativen Überschuss, aus Materialien und Texturen, schufen ravvina/veit nun einen außergewöhnlichen, performativen Raum, in dem Bewegung, Klang und Sprache hervortreten und auch wieder verschwinden, in dem sich der Unterschied von Sendung, Wiedergabe, Kopie und Wiederholung auflöst.

Das offene Gießener Performance-Kollektiv ScriptedReality/Aumüller, Bussmann, Krause, Salasse, Schmidt erlebte wie Jack Torrance in „Shining“ Künstlerkrise und Wahn während einer einjährigen Residenz und bündelten den Zweifel, der diese Zeit begleitete, in der neuen Arbeit „Residence Evil“ (11. & 12.4., 21 Uhr, Frankfurt LAB). Es ist eine Meditation über Arbeit, Arbeitsverweigerung und Panik angesichts der Performance- Szene geworden, eine Betrachtung über die Bedeutung von Fake und Theater in der Konstruktion unserer Wirklichkeit.
 

Ein so radikales wie performatives  Portrait widmen Gregor Glogowski und  Benjamin Hoesch dem Ausnahmemusikers Johannes Schwarz, Mitglied des Ensemble Modern, Eigner eines Klangarchivs mit tausenden von Soundfiles und virtuoser Fagottist, mit der Musiktheaterperformance „UNA SOLO“ (Uraufführung 14.4.-16.4., 19 Uhr, Mousonturm-Koproduktion). Sie öffnet den Blick auf Material, mit dem Schwarz Klänge erzeugt, lotet Handwerklichkeit, Sinnlichkeit, Disziplin und Anarchie aus und folgt dem Musiker, zwischen Spezialistentum, Virtuosität und Rückzug assoziierend, bei seinen faszinierenden Klangkonstruktionen.

Last but not least, lädt der japanische Künstler Akira Takayama gemeinsam mit dem um seine McDonald‘s Radio University entstandene, im Mousonturm verankerte Netzwerk aus Start-up-Unternehmen, das Menschen unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus in Deutschland gesellschaftliche Teilhabe auf wirtschaftlicher, finanzieller und kultureller Ebene ermöglichen soll, zum “Business Lunch II – by McDonald’s Radio University” (15.4., 11-16 Uhr) ein. Beim Lunch im Gründerzentrum Social Impact Lab Frankfurt – Heimat der „AndersGründer und ChancenNutzer“ – sind diesmal Strategien und Aktivitäten zur Schöpfung einer neuen Währung Teil der Menüfolge im gemeinsamen Denkprozess.


KONZERTE & LESUNGEN

„Axel Hacke liest“(9.4., 20 Uhr) und entscheidet wieder spontan, welche der mitgebrachten Texte er vorträgt. Eine charmante Überraschung bleibt es, welche seiner assoziativen-tiefgründigen Weltbetrachtungen zum Zuge kommen werden, doch sicher ist, dass er aus seinem aktuellen Buch: „Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen“ lesen wird.

Im nächsten Geheimen Salon (12.4., 20.30 Uhr) zu Gast ist Cienfuegos (Alex Suarez) aus Brooklyn zu Gast, der sich dort in den Clubs mit seinem Live-Set aus roher Percussion, minimalster Melodie und Industrial-Ästhetik schnell einen Namen machte. Anna Hjalmarsson, Musikerin, Biologin und Mitbetreiberin des in Frankfurt und Stockholm beheimateten Labels Stoscha, kredenzt vorher und nachher Feinstes aus ihrem Vinyl-Fundus.

„Kamaloka“ ist Sanskrit, stammt aus der altindischen Kultur und bedeutet wörtlich übersetzt „Ort der Begierde“, steht jedoch für Befreiung von allem Materiellen. Genauso hat der Max Clouth Clan sein brandneus Album benannt und gibt anlässlich der Veröffentlichung einen „2nd Release Day – unplugged“ (14.4., 21 Uhr, Lokal) mit akustischer Gitarre und kleinem Streicher-Ensemble.

Einen weithin bekannten Frankfurter trifft Gregor Praml im nächsten LOKAL Listener (15.4., 11 Uhr): Stefan Hantel aka Shantel, der mit seinen Bukovina-Clubabenden bekannt geworden ist. Mittlerweile schrieb er Filmmusik für Fatih Akin, wurde zum legendären englischen Glastonbury Festival eingeladen, spielte in Montreux vor den beeindruckten Kollegen Prince und Quincy Jones, tourt mit seiner Band oder ist in den Clubs der Welt unterwegs und kommt jetzt ins Turm-Lokal zu einer sicher spannenden Matinee.

“CONNECT – The Audience as Artist” (22.04., 18 Uhr, Frankfurt LAB) des Ensemble Modern lässt das Publikum am künstlerischen Prozess teilhaben und hinterfragt Hierarchien zwischen Interpreten und Publikum im Konzertsaal. Zur Uraufführung kommen ein Neues Werk des italienisch-schweizerischen Komponisten Oscar Bianchi, der das Publikum als Klangerzeuger teilhaben lässt und als Deutsche Erstaufführung zeigt das Ensemble Modern das brisante Stück „The Gender Agenda“ des britischen Komponisten Philip Venables, der das LAB in eine TV-Spielshow verwandelt.

Pressefotos finden Sie hier.

Wir freuen uns auf Ihre Akkreditierungen und stehen für Fragen gern zur Verfügung.
 

Herzliche Grüße

Künstlerhaus Mousonturm