Pressemitteilung, erstellt am Di. 23.01.2018

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,

im Februar stehen zwei außergewöhnliche Tanz-Uraufführungen auf dem Spielplan des Mousonturms:

Verena Billinger und Sebastian Schulz, gleichermaßen in Frankfurt wie in Düsseldorf ansässig, künstlerisch verwurzelt und spitzengefördert, bringen im Frankfurt LAB mit einem großen, generationsübergreifenden Ensemble den abschließenden dritten Teil ihrer Trilogie „Unlikely Creatures“ heraus: „us hearing voices“ (2. & 4.2., 16.45 Uhr, 18 Uhr & 19.30 Uhr / 5.2., 17.15., 18.30 und 20 Uhr im Frankfurt LAB, Mousonturm-Koproduktion). Gewagte Skizzen unwahrscheinlichster Zukunftsgeschöpfe und Aneignungen oder Übermalungen von Visionen kommender Gesellschaften, die bis in die Renaissance zurückreichen, brechen sich Bahn in dieser raumgreifenden und genresprengenden Arbeit.


Antonia Baehr bringt im Mousonturm ihr neues Solo „EXIT (AT) – eine Séance“ zur Uraufführung (8.-10.2., 20 Uhr, Mousonturm-Koproduktion). Sie nimmt sich im wahrsten Sinne des Wortes die Notausgangslichter zur Brust, die noch jeden Theatersaal selbst während des finstersten Blackouts in mattem Restlicht vor sich hin dämmern lassen. Die grünglimmenden Notausgangsschilder werden zur einzigen Beleuchtung des Abends, der Antonia Baehr ihren Körper jedoch ganz und gar auszusetzen entschlossen ist. Im Rahmen der Ringvorlesung der Hessischen Theaterakademie untersucht Antonia Baehr (6.2., 18 Uhr) die Fiktion des Alltäglichen und die Fiktion des Theaters, Peter Michlazik und Frank Müller moderieren.

Eine ganz besondere Arbeit bringt auch die libanesische Künstlerin (sowie langjährige Co-Autorin und Co-Performerin von Rabih Mroué) Lina Majdalanie zurück an den Mousonturm. Die letztjährige Friedrich-Hölderlin-Gastprofessorin der Frankfurter Goethe-Universität präsentiert ihre Solo-Performance „Do I Know You?“ (7.2., 20 Uhr & 8.2., 18 Uhr), in der sie auf der Grundlage eigener Erfahrungen der Prosopagnosie auf den Grund geht – der Unfähigkeit, Gesichter zu erkennen oder zu erinnern. Was bedeutet dieses Leiden allgemein, für das ‚Gesichtwahren‘ etwa oder auch für die nationale und politische Metaphorik einer Gesellschaft, die sich wie die libanesische in ihrer Unabhängigkeitserklärung sogar ein „arabisches Antlitz“ verpasste?


Höhepunkt des Theaterprogramms im Februar ist der neuntägige Shakespeare-Marathon der legendären britischen Performancegruppe Forced Entertainment unter dem Titel „Complete Works: Table Top Shakespeare“ (10.-18.2., jeweils um 18 Uhr, 19 Uhr, 20 Uhr und 21 Uhr). Autor und Regisseur Tim Etchells bringt mit sechs Performern seiner Gruppe alle 36 Dramen Shakespeares auf einen Küchentisch: In jeweils 45-minütigen Nacherzählungen in einfachem modernen Englisch nimmt sich je eine Spielerin oder ein Spieler ein Stück vor und stellt es mithilfe von Pillendöschen, Rasierklingen, Fischgabeln, Gewürzstreuern, Konservendosen, Ketchupflaschen, Mayonaisetuben aufs Anschaulichste nach. Jeden Abend im Stundentakt vier Komödien, Tragödien oder Historien, eiskalt zugespitzt, drastisch erzählt, todernst und sterbenskomisch.

Zwei Musiktheaterpremieren bringen wir außerdem im Februar heraus: das vorletztes Jahr mit dem ersten Ponto Performance Preis der Jürgen Ponto Stiftung ausgezeichnete Gießener Theaterkollektiv FUX hat das Preisgeld zu einer „Wiederentdeckung der Granteloper“ (Frankfurt-Premiere 15.-17.2., 20 Uhr Mousonturm-Koproduktion) genutzt, um das fiktiv-historische Musiktheatergenre der singenden Beschwerdeführung endlich in vollem Glanz auferstehen zu lassen.: Wacht auf, Verdammte dieser Erde! Den Sorgen und Nöten der Unterdrückten, jener ewigen Grantler der Weltgeschichte, wird nun endlich eine angemessene Gesangsstimme verliehen.  

Der Frankfurter Komponist und Hörspielautor Oliver Augst hat sich für „KURT WEILL JAGT FANTÔMAS – EIN MUSICAL mit Liedern von Kurt Weill“ (22.-24.2., 20 Uhr Mousonturm-Koproduktion, Erstaufführung im deutschsprachigen Raum) auf die Spurensuche nach Weills Moritatenprojekt über einen der skrupellosesten Verbrecher in der französischen Krimi-Literatur des frühen 20. Jahrhunderts gemacht. Weill war 1933 vor den Nazis nach Paris geflüchtet und befand sich dort sozusagen nur im Transit. Deshalb blieb sein „Fantômas“-Projekt Skizze, denn bald darauf schrieb er an Broadway-Kompositionen. Das bis heute weitgehend unbekannte Material bereitet Augst gemeinsam mit der Frankfurter Sängerin Charlotte Simon (Les Trucs) und dem Pariser Experimentalmusiker Alexandre Bellenger für die Bühne auf. Als Special Guest wirkt auch Brezel Göring (Stereo Total) in der Aufführung mit.


Hier sei auch hingewiesen auf den Abschluss unseres Themenschwerpunkts „Displacements. Andere Erzählungen von Flucht, Migration und Stadt“ (18.1.-4.2.):  Anfang Februar ist in diesem Rahmen nicht nur das spektakuläre Konzert der ersten weiblichen Tuareg-Band Les Filles des Illighadad aus Niger (1.2., 20.30 Uhr) sowie ein ganztägiges künstlerisches Gastfreundschafts-Programm der Gruppe Mobile Albania in ihrem „Mobilalbanischen Wohnzimmer“ am Mousonturm (28.1.-3.2., ganztägig, 9-22 Uhr, mit Film und Sauna!) zu erleben.

Zum Abschluss laden der japanische Künstler Akira Takayama und seine Gruppe Port B zum „Business Lunch – by McDonalds Radio University“ (4.2., 11-18 Uhr, Mousonturm-Produktion) ins Lokal des Mousonturm. Mit Lehrenden aus Afghanistan, Syrien, Pakistan, Ghana, Burkina Faso, Eritrea und dem Iran gründete der japanische Künstler Akira Takayama im März 2017 in Frankfurt die „McDonald‘ s Radio University“. Nun will das Modellunternehmen zur Vermittlung von Bildung und Wissen im Mousonturm eine neue künstlerischen Geschäftsvision diskutieren: Der Verbund aus Dienstleistungs-, Franchise- und Finanzunternehmen, eine Art „Bank of Services“, soll Menschen unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus in Deutschland gesellschaftliche Teilhabe auf wirtschaftlicher, finanzieller und kultureller Ebene ermöglichen. Im Rahmen des Business Lunch lädt das Gründungsteam der Radio University dazu ein, bei gemeinsamem Kochen und Essen mit Expertinnen und Experten über die Grundlagen, Herausforderungen und Dimensionen eines solchen Unternehmens zu diskutieren.

Inspiriert von der Recherche in Seniorenheimen, Tanzkursen, auf dem Kartoffelfest, von Phantasialand, alten Fotos und ebensolchen Erinnerungen und vielem mehr formt die Gruppe  &sistig die vom Mousonturm koproduzierte Performance „COPYSHOP“ (Uraufführung 23.–25.2., 23. & 25.2., 19.30 Uhr / 24.2., 18 Uhr, Frankfurt LAB) , in der die Performerin Judith Altmeyer zum lebenden
Archiv schwindender Erinnerungen wird. Sie kopiert, wiederholt, prägt sich ein und vergisst, verkörpert Oma, Cowgirl, Kinderfoto, Urkunde und Zeichen.

Zum dritten Mal vergibt 2018 die Jürgen Ponto-Stiftung im Mousonturm den mit 25.000 Euro dotierten Ponto Performance Preis zur Förderung junger Künstlerinnen, Künstler oder Kollektive aus dem Umfeld der Hessischen Theaterakademie (HTA) - bisherige Preisträger sind die Kollektive FUX (2016) und F. Wiesel (2017) - und verleiht den Ponto Performance Preis 2018 am 15.2. um 19 Uhr bei einem Empfang im Mousonturm.

 

Gesucht: Testpublikum! Im Rahmen des next generation workspace, in dem zwölf junge Theaterschaffende aus der ganzen Welt ein Jahr lang Ideen und eigene Projekte für ein Neues Theater für ein junges Publikum entwickelt haben, laden Neugierige aller Altersstufen zu offenen Proben und zum Mitforschen ein (23.2.-5.3., an verschiedenen Orten) , Zeiten und Sprachen, weitere Infos: www.mousonturm.de / Anmeldung: ngw@mousonturm.de / Eintritt frei).


KONZERE & LESUNG

Im Abschluss unseres Themenschwerpunkts „Displacements. Andere Erzählungen von Flucht, Migration und Stadt“ (18.1.-4.2.) ist Anfang Februar auch das spektakuläre Konzert der ersten weiblichen Tuareg-Band Les Filles des Illighadad aus Niger (1.2., 20.30 Uhr) zu erleben.

Textor & Renz, das sind Henrik von Holtum und Holger Renz (3.2., 20 Uhr, Lokal), und sie mögen Johnny Cash, Hank Williams und die melancholischen Songs von Neil Young, Nick Drake und Townes van Zandt, das hört man. Doch bei allen Referenzen, die sie Ihren Vorbildern erweisen, finden sie mit der Konzentration auf zwei Stimmen, Kontrabass und E-Gitarre zu klarer, scheinbar kühler Strenge, der die Emotionen dennoch nicht verlorengehen.


In seinem Roman „Phantome“ (19.2., 20 Uhr), der auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2017 stand, begibt sich Robert Prosser in der Reihe Acting Out! #5 des Hessischen Literaturforums auf die Spur der Geflohenen, Vermissten und Toten dieses Krieges. Gegen das Vergessen erzählt „Phantome“ von Anisa und Jovan, sie bosnische Muslima, er Serbe. Mit einer Performance, in der „die Worte prasseln, prickeln, funkeln“ (Tiroler Tageszeitung), bringt Prosser sie zum Sprechen. Moderation: Björn Jager.


Zur fünften Ausgabe des Geheimen Salons heißen wir Eva Geist & Luzi Gehrisch (22.2., 20.30) willkommen. Die gebürtige Italienerin aus dem Berliner Sameheads-Umfeld verwebt experimentelle Elektronik und Space-Disco-Elemente zu einer rhythmischen Hypnoseshow und beehrt das Lokal des Mousonturms pünktlich zu ihrem neuen Release auf Macadam Mambo mit einem Liveset. Im Anschluss übernimmt Luzi Gehrisch an den Plattenspielern.

Im Februar trifft Gregor Praml in der Reihe The LOKAL Listener den Live-Remixer und „Sound-Scapisten“ J. Peter Schwalm (25.2., 11 Uhr), der viele Filmmusiken mit Brian Eno schrieb und auch gemeinsam mit ihm tourte. Als gefragter Komponist kreiert Schwalm auch Auftragskompositionen für das Stuttgarter Ballett, für den Choreografen Hofesh Shechter oder das Deutsche Jazzfestival Frankfurt. Eine Musik, so Brian Eno, die klinge, wie sich die moderne Welt anfühle, was sich beim LOKAL Listener aufs Trefflichste erleben lässt.

Daniel Kahn & The Painted Bird (26.2., 20 Uhr), die international Klezmer-Band um den aus Detroit stammenden US-Amerikaner Daniel Kahn, brilliert mit politischen Balladen aus der Feder Kahns, aber auch mit Vertonungen von Gedichten und Liedern jüdischer Autoren. Als „Yiddish Punk Cabaret“ bezeichnet Kahn seine Musik, die aus der Klezmer-Tradition schöpft, diese jedoch experimentierfreudig für ihm wichtige musikalische Einflüsse wie die amerikanische Folk Music, Punkrock, Theater- und Kabarettmusik, Brecht, Weill und Eisler öffnet.

Ein klassischer Singer-Songwriter wollte James Vincent McMorrow (27.2., 20 Uhr) nie  sein, doch sein umjubeltes Debüt „Early in the Morning” (2010) erreichte in seiner Heimat Irland Platz 1 der Charts, wurde mit Platin belohnt, McMorrow trat in der Royal Festival Hall auf, war bei TV-Star Jools Holland zu Gast und schon ließ sich der Erfolg des Barden mit der unverkennbaren hohen Stimme, die an Bon Iver erinnert, nicht mehr aufhalten. Sein neues soulig-poppiges Album beweist es erneut.


Wir freuen uns auf Ihre Akkreditierungen und stehen für weitere Fragen gern zur Verfügung.

Herzliche Grüße
Künstlerhaus Mousonturm