Es gibt so Dinge im Theater, bei denen spielt man einfach mit. Gretchen stirbt gerade nicht live auf der Bühne und doch sagen wir „ja“ zum Als-Ob und sind (vielleicht) berührt. Trotzdem: Im vielbeschworenen „Pakt mit dem Zuschauer“, der die Bereitschaft zum Ausdruck bringt, sich für eine bestimmte Zeit auf eine fiktive Welt einzulassen, gibt es eine EXIT-Option. Während Vorstellungen in deutschen Theaterhäusern leuchten sie unablässig: die grünen Schilder der Notausgänge. Was für eine Erleichterung in Momenten theatraler Monotonie! Wir können jederzeit aussteigen und der Weg ist auch noch gut gekennzeichnet...


Antonia Baehr ist in vielerlei Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung. Oftmals wird die deutschlandweit gefeierte Choreograf_in allerdings auf ihre Beschäftigung mit der Geschlechtskodierung unserer Körper reduziert. Richtiger wäre davon zu sprechen, dass Antonia Baehr sich in bestem Verständnis des Begriffes Choreografie für die Vorschriften interessiert, die schriftlichen Gesetze, welche eine Gesellschaft (oder auch im engeren Sinne der Raum des Theaters) an Körper erlässt, damit sie als verständlich und erkennbar gelten. Sie interessiert sich für die Grenzen, die uns als Menschen definieren – und bringt sie lustvoll in Schieflage. Dabei sind für sie aber nicht nur gesellschaftliche Entgegensetzungen wie die Aufteilung in Mensch und Tier von Bedeutung, sondern auch die Selbstverständlichkeiten theatraler Darstellungsräume, die sie zum Ausgangspunkt ihrer Arbeiten macht.


Ihre Beschäftigung mit der Dunkelheit begann 2011 mit „For Faces“. Eine Produktion, in welcher sich die choreografische Arbeit auf die Muskulatur des Gesichts beschränkte. Sie platzierte vier Mitwirkende im 90 Grad-Winkel Rücken an Rücken zueinander und lud das knapp hundertköpfige Publikum ein, sich in zwei Stuhlkreisen um diese zu versammeln, nah, sehr nah, in der ersten Reihe fast in Reichweite. Wie Musiker spielten die Performer_innen mit der Muskulatur ihres Gesichts – und sie spielten mit uns, die wir ihnen zusahen, sie spielten mit unseren affektiven Reaktionen auf hochgezogene Mundwinkel und zusammengekniffenen Augenbrauen. Aber sie spielten nur. Sie tanzten ihre Gesichtsmuskeln durch eine Partitur und ließen uns alle danach fragen, wie viel wir wirklich sehen können, wenn wir einander ins Gesicht blicken.


Antonia Baehr aber hatten alle schon längst vergessen. Bevor die Vorstellung überhaupt begann, trat sie auf, ein Dandy in Anzug und mit Seidenschal, und wie ein beflissener Intendant hielt sie eine kurze Vorrede. „Es gibt hier keine Notausgangsschilder“, verkündete sie. Wir aber müssten uns keine Sorgen machen, wenn es während der Performance mehrfach dunkel würde, „das Licht geht irgendwann auch wieder an“.


Es wurde dunkel, wirklich dunkel an diesem Tag. Viermal sogar. Aber in der Dunkelheit von „For Faces“, die fungierte wie der Zeilenumbruch in einem Gedicht, war etwas zu hören, das in den Gesichtern nicht zu sehen war. Körper, die sich regten. Lebendigkeit. Atmen. Ein Hauch.


Die Möglichkeit zu künstlicher/wirklicher Dunkelheit datiert in das 16. Jahrhundert zu der Erfindung der „Blackbox“. Geschlossene Theatergebäude versprachen Schutz vor Wind und Wetter und sie brachen mit der Erfahrung, welche die antiken Tragödien verhandeln: kreatürlich zu sein, körperlich höheren Mächten ausdekonstruieren gesetzt zu sein. Bis heute allerdings verhindern Sicherheitsvorschriften, dass es in den Gebäuden jemals wirklich dunkel werden kann. Wir spielen nur mit, „als ob“ es dunkel wäre.


Antonia Baehr kommt nach Frankfurt, um dieses ambivalente Leuchten in den Blick zu nehmen, das über unsere Körper wacht, wenn wir ins Theater gehen. Diese Versicherung, dass uns nichts passieren wird oder vielleicht eine Erinnerung? Für uns alle, die wir weiterhin auf der EXIT-Option bestehen, wird sie ihren Körper diesem Licht aussetzen und sich der Frage stellen, was dort genau passiert, auf dieser Schwelle zwischen „drinnen“ und „draußen“, „Sicherheit“ und „Gefahr“. Und sie wird uns mit der Frage konfrontieren, wie wir (unsere) Körper eigentlich wahrnehmen: als Bild, als Phänomen der Sichtbarkeit, schon längst ökonomisch überformt und normativ eingefangen, oder als das, was wir nur dann spüren können, wenn es wirklich dunkel wird?

In Englisch * Konzept & Performance: Antonia Baehr * Technische Leitung: Carola Caggiano * Künstlerisch begleitet u.a. von: Lindy Annis, Bettina Knaup, Constanze Schellow, Mayte Zimmerman * Organisation: Alexandra Wellensiek * Eine Produktion von make up productions in Koproduktion mit Mousonturm (Frankfurt), Theater Freiburg (Freiburg), HAU Hebbel am Ufer (Berlin) * Gefördert durch das NATIONALE PERFORMANCE NETZ (NPN) Koproduktionsförderung Tanz aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

Antonia Baehr (Berlin)
EXIT
Thu. 08. — Sat. 10.02.2018

LECTURE-PERFORMANCE
* 20 Uhr, € 19 / red. € 9 / € 5 f.f.m. students members.
Mousonturm-co-production * Premiere

LOCATION
Saal
Waldschmidtstraße 4, 60316 Frankfurt am Main

Event Dates

Thu. 08.02.2018

8 p.m. 

Fri. 09.02.2018
EXIT: Artist Talk after the Performance

8 p.m. 

Sat. 10.02.2018

8 p.m.