Sprechchöre
„Unverzichtbares Mittel dieser Dramaturgie ist die Assoziationsfähigkeit des Zuschauers.“
Richard Weber, Proletarisches Theater und revolutionäre Arbeiterbewegung, Köln 1976.
„Den Sprechchören kam die „große Aufgabe in der Festgestaltung zu, den von ihnen festgestellten Utopieverlust in der Arbeiterbewegung durch die Vorwegnahme sozialistischer Gemeinschaft auszugleichen.“
Uwe Hornauer Laienspiel und Massenchor, Köln 1985.
Nach 1968 gab es vielfältige Versuche, die Kultur der Arbeiterbewegung der 1920er Jahre zu erforschen, Texte zu sichern und Situationen zu rekonstruieren. Noch gab es Zeitzeug*innen, die erzählen konnten, denn die Überlieferung war fragmentarisch. Nur wenige fotografische Zeugnisse, weder Filme noch Tonaufnahmen bezeugten die Massenbewegung und die Begeisterung, die sie trug. Sie wurde zudem vom Nationalsozialismus überschrieben, der sich ausgesprochen ausführlich selbst dokumentierte. Nach 1989 ebbt das Interesse an der Geschichte der sozialistischen Sprechchöre ab. Und so problematisch viele ihrer Aspekte erscheinen mögen, bleibt die Frage, ob hier nicht Elemente einer anderen Ästhetik zu entdecken sind, deren Potential noch nicht geborgen ist.
Alfred Auerbach
Alfred Auerbach ist ein Frankfurter jüdischer Autor, der kaum mehr erinnert wird. Dabei hat er sich mit seinen vielfältigen Aktivitäten um das kulturelle Leben der Stadt verdient gemacht. 1873 geboren, kam er mit 25 Jahren zum Frankfurter Schauspielhaus, wo er über 20 Jahre auf der Bühne stand. In Dr. Hoch’s Konservatorium leitete er bis 1933 die Theaterabteilung. Das erste, textlich nicht überlieferte Stück für Sprechchöre, von dem wir wissen, heißt programmatisch „Der Aufbruch“ und stellt tatsächlich den Beginn einer ganzen Reihe von Texten dar, die er meist mit verschiedenen Chören in Frankfurt aufführte und im Leipziger Arbeiter-Theaterverlag Alfred Jahn veröffentlichte. Sie tragen Titel wie „Wir sind die Kraft!“, „Krieg dem Kriege“ oder „Stimmen der Zeiten“ und entstehen wie „Kampf um die Erde“ für konkrete Anlässe. Auerbach muss bald so beliebt gewesen sein, dass ihm mit diesem – in seinem Werk umfangreichsten – Stück der kulturelle Höhepunkt der Arbeiter-Olympiade anvertraut wurde. Sein einziger Roman „Der Prominente“ datiert übrigens auf dasselbe Jahr und erreichte – sicherlich auch wegen seines satirischen Gehalts – mehrere Auflagen. Seine Diagnose des Ersten Weltkriegs kann für sein ganzes Schaffen geltend gemacht werden: „Die Zeit war giftig. Die Dinge befehdeten sich unsichtbar. Völker sahen sich mit Argwohn. Schimpften aufeinander. Aber sie hatten Angst vor dem Kommenden. Die Verlogenheit der romantischen Europäer war in sich verstrickt. Der große Ausverkauf der Firma ‚Kultur‘ begann.“
Auerbach bemühte sich um eine andere Kultur, die vor allem Laien und Arbeiter*innen mit einbezog. Kultur war für ihn etwas Demokratisches, das nicht mehr nur auf der Bühne des Stadttheaters aufgeführt wurde, sondern in den Straßen oder auch im jungen Medium Radio, für das er mehrere Hörspiele schrieb.
Nach 1933 konnte er nur noch privat weiterarbeiten. Noch 1935 kann er im Kauffmann-Verlag, ansässig in der ehemaligen Judengasse, der heutigen „Hinter der Staufenmauer“, wo nun der Ausstellungsraum Goldener Apfel des Jüdischen Museums zum Besuch einlädt, das Buch „Bühnenspiele für jüdische Feierstunden“ veröffentlichen, mit Texten, die zuhause, privat aufgeführt werden könnten. „Darstellung“, schreibt er im Vorwort, „kann heute nicht mehr nur Belustigung sein. Die Szenen sind zur Heranbildung der neuen jungen, jüdischen Darsteller und Sprecher gedacht. Wir wollen arbeiten!!“ 1940 gelingt es Auerbach, in die USA zu fliehen. Seine Schwester Bertha wird nach Lodz deportiert und in Auschwitz vergast und verbrannt.