Speak, my language

Anjeline de Dios

Foto von Performerin Anjeline de Dios. SIe hat die AUgen geschlossen und lächelt. Sie trägt ein weißes leicht transparentes Oberteil.
© Eunice Maurice
© Eunice Maurice
Auf dem Foto steht die Performerin Anjeline de Dios an einem großen Treppengeländer eines Treppenhauses. Sie trägt eine karierte Bluse und einen dunklen Rock.
© Anjeline de Dios
Das Foto ist an einem großen Treppenhaus aufgenommen. Die Performerin Anjeline de Dios steht im linken teil des Bildes, trägt eine karierte Bluse, Tattoos sind zu sehen, und sie blickt schräg nach oben. Neben der Treppe stehen ein Mikrofon, ein Mischpunkt und ein Lautsprecher.
© Anjeline de Dios
© Eunice Maurice
© Eunice Maurice

Speak, my language

Anjeline de Dios

Die Philippinen sind geprägt von Migration. Unzählige Menschen verlassen ihre Heimat, um als „Overseas Workers“ in der Seefahrt und im Gesundheitswesen, als Hausangestellte, Musiker*innen oder Entertainer*innen in anderen Ländern, Kulturen und Sprachen zu arbeiten. Die ortsspezifische Performance „Speak, my language“ schafft einen intimen Raum, in dem das Verhältnis der Stimme zur Erfahrung der Migration im Mittelpunkt steht. Sie ist stark von Anjeline de Dios‘ Forschung und ihrer eigenen Erfahrung als Migrantin geprägt. Über Jahre hat die Soundkünstlerin und Wissenschaftlerin die Arbeit philippinischer Musiker*innen im Ausland erforscht, bevor sie selbst aus persönlichen Gründen nach Polen gezogen ist. Mit den anderen Arbeitsmigrant*innen teilt sie nun die Erfahrung, außerhalb ihrer Heimat zu leben, aber dennoch mit ihr verbunden zu sein. Mit Hilfe von Gesangskompositionen und nichtlinearen Bewegungen, unterstützt durch die Choreografie von Madge Reyes und die Dramaturgie von Jaya Jacobo, füllt de Dios den Aufführungsraum mit einem „inneren Radio“, das die Geschichte des Zuhörens und Singens für Andere in der philippinischen Stimme zum Ausdruck bringt. Das Stück macht zugleich die beharrliche Sehnsucht erfahrbar, sich selbst zu hören – zwischen und durch die vielen Migrationen in andere Sprachen, für andere Ohren –, die zugleich Frage und Möglichkeit ist.

Infos
  • Sprache: Englisch, Tagalog, Polnisch, Deutsch
  • Dauer: 50 Min.
  • 19.09., 17.30 Uhr Einführung
  • 20.09., Siebdruck-Werkstatt für Publikum
  • Mousonturm-Koproduktion
  • Uraufführung
Barrierefreiheit

Barrierefreiheit des Spielorts

Zugänglich mit Rollstuhl
Barrierefreie Haltestelle
Behindertenparkplätze vorhanden
Barrierefreie Toilette
Assistenzhund willkommen
Beteiligte und Förderer

Konzept, Performance, Illustrationen, Score: Anjeline de Dios
Dramaturgie: Jaya Jacobo und Marcus Droß
Choreografie: Madge Reyes
Kostüm: Tria Ramolete

Eine Koproduktion im Rahmen von „Sincerely Yours, the Philippines“, ein Projekt des Künstler*innenhaus Mousonturm in Kooperation mit dem Goethe-Institut Philippinen.  Gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes, gefördert von dem Beauftragten für Kultur und Medien.  Gefördert durch den Kulturfonds Frankfurt RheinMain, das Goethe-Institut und „Philippinen – Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2025“. Unterstützt durch das University of the Philippines Vargas Museum.

Biografie

Anjeline de Dios lebt in Krakau und Manila und arbeitet als Klangkünstlerin und -forscherin. Ihre Praxis der Gesangsimprovisation, des kritischen Schreibens und der Workshop-Moderation erforscht die Stimme und ihre kulturellen Wirkungs- und Heilungsgeografien. De Dios‘ Arbeiten wurden bei SAVVY Contemporary (Berlin), dem ArtsEverywhere Festival (Guelph), der Universität für Musik und Darstellende Kunst (Wien), dem Studio Plesungan (Solo) und dem UP Vargas Museum (Manila) präsentiert. Sie promovierte in Geografie an der National University of Singapore.

Madge Reyes ist eine in Manila lebende Künstlerin und Produzentin, die in den Bereichen Performance, bildende Kunst und Bewegtbild tätig ist. Ausgebildet in klassischem und zeitgenössischem Tanz sowie in bildender Kunst, bewegt sich ihre interdisziplinäre Praxis an der Schnittstelle von Verkörperung und Bildgestaltung und stellt den Körper sowohl als Archiv als auch als Akteur in den Vordergrund. Im Jahr 2020 gründete Reyes „FIFTH WALL“, einen Ort, der sich als unabhängige Plattform der Präsentation von Tanz durch multidisziplinäre Ausdrucksformen widmet. Der Ort spiegelt ihr anhaltendes Interesse an der Hybridität des sich bewegenden Körpers wider und fördert interdisziplinäre Kooperationen und alternative Formen der Performance.

Jaya Jacobo ist eine trans-feministische Dichterin, Wissenschaftlerin und Theoretikerin. Sie lehrt Trans- und Queer-Studies am Department of Women and Development Studies der University of the Philippines in Diliman. Sie promovierte in Vergleichender Literaturwissenschaft an der State University of New York in Stony Brook und war Postdoktorandin im Programm „Global Grace: Gender and Cultures of Equality“, an der University of the Philippines und der Päpstlich-Katholischen Universität von Rio de Janeiro. Sie hat mit Travesti- und transsexuellen Künstlerinnen, Wissenschaftlerinnen und Sozialarbeiterinnen in Brasilien zusammengearbeitet, ebenso wie mit trans-, queeren und nicht-binären philippinischen Künstlerinnen und Künstlern aus den Philippinen und der philippinischen Diaspora im Ausland.

Tria Villasis Ramolete ist eine Modedesignerin, Sängerin und Tänzerin aus den Philippinen. Sie ist Mitglied und Solistin der Ateneo Chamber Singers und ehemaliges Mitglied der Douglas Nierras Powerdance Company. Sie hat eine Ausbildung in Ballett, Modern Dance und Jazz. Sie hat einen Abschluss in Schneiderei von der Slim’s Fashion and Arts School, einen Postgraduiertenabschluss in Einzelhandels- und Franchise-Management vom De la Salle University College of Saint Benilde und einen Bachelor-Abschluss in Management Communications Technology von der Ateneo de Manila University.

 

20.09. Siebdruck-Station

„Sincerely Yours, the Philippines“ Siebdruck-Station

Festival-Look to go: Am 18.09. und 20.09. gibt’s im Mousonturm-Foyer eine kleine Siebdruck-Werkstatt. Einfach Shirt, Hoodie, Jutebeutel oder was auch immer aus Stoff mitbringen – und das Festival-Motiv (Design: Art Director Stefan Neubauer) direkt aufdrucken lassen.

Wann: Do 18.09. & Sa 20.09., jeweils von 18-22 Uhr
Wo: Mousonturm Foyer 1. STock
Wichtig: Bedruckt werden können alle glatten Textilien (am besten Baumwolle, ohne Nähte).
Siebdruck-Artists: Andreas Diefenbach und Veronika Weingärtner

Gedanken zum Arbeitsprozess

von Anjeline de Dios

Die Spirale als zentrales Motiv

Die Spirale – mit all ihren Darstellungsformen, symbolischen Bedeutungen und lebendigen Verbindungen – ist für mich zum Leitfaden, zu meinem Hauptinteresse an dieser Arbeit geworden: wie verhält sich die Stimme in der Migration und als Migrantin.

Die Herausforderung für die migrantische Identität: sich anzupassen als jemand, deren gelebtes Heimatgefühl immer schon komplex und präsent ist und die nun den Schritt vollziehen muss fremd zu werden. Die Heimat, die in unserem Klangkörper, unserer Stimme, eingeschrieben ist, klingt nun fehl am Platz: unser Akzent, unsere Fragen, unser Hören, unser Singen.

Um zurechtzukommen, oszilliert die Stimme der Migrantin zwischen Innen und Außen. Sie versucht, sich zu verwandeln. Es gibt weiterhin ein Zentrum, von dem aus und zu dem sich diese Stimme bewegt. Aber in der Migration wird dieses Zentrum selbst verschoben. Es entsteht eine fortwährende Dynamik der Ambivalenz. Nachdem wir uns bewegt haben, hören wir nicht auf, uns zu bewegen, spiralförmig, nähernd und entfernend von unserem „Selbst”.

Improvisation und Assemblage: vielschichtige Schaffensprozesse

Der Kompositionsprozess von „Speak, my language“ führte zu einem Werk in vier Sätzen, das durch Live-Improvisation auf dem elektroakustischen Looper und durch die Zusammenstellung von Improvisationsfragmenten in der Postproduktion entstand. Jeder Satz oder Track hat einen entsprechenden Titel oder ein Thema und bezieht sich auf eine affektive, klangliche und visuelle Erinnerung.

Die vier Teile der Performance bauen nicht linear aufeinander auf. Sie sind das Ergebnis bestimmter Klänge und Gefühle, die organisch zu einer Art Moment oder Bild führen, das für eine klangliche Migrationserfahrung charakteristisch ist. Sie sind entstanden, während ich mich mit dem Rätsel beschäftigt habe: Wie kann „ich“ (als Zentrum) mit meiner Stimme umgehen, wenn sie in (und als) eine „fremde“ Klangwelt Bestand hat? Es ist eine zyklisch wiederkehrende Frage.

Die Komposition wurde zu einer kollaborativen Plattform, um „Speak, my language“ in andere Medien zu übersetzen: Die Bewegungsformen entstehen aus poetischen und dramaturgischen Impulsen heraus, die die Kluft zwischen Stimme und Körper erforschen. Licht- und Sounddesign übersetzen von mir erstellte Zeichnungen und Aufnahmen in eine sich ständig verändernde Live-Performance im Studio 2 des Mousonturms. Die zentrale Frage, wie man innerhalb der Differenz eine Stimme „sein“ kann, wird durch Bewegungen von Farbe, Körper, Klang und Gefühl zum Leben erweckt.

von Jaya Jacobo (Dramaturgie)

Was Anjeline de Dios mit ihrem Debüt „Speak, my language“ zum Ausdruck bringen möchte, ist weniger die Einzigartigkeit des Klangs, den eine Stimme aus einem ehemaligen Kolonialstaat erzeugen kann, als vielmehr die Brückenschläge dieser Stimme selbst, die sich zwischen den Zuständen und Bedingungen von Heimat und Migration bewegt.

Daher können die Intonationsweisen, nach denen Anjeline in ihren Kompositionen sucht, nur abwechselnd intentional und improvisatorisch sein. In diesem Sinne reicht das Spektrum der Stimme vom artikulierten Ton bis zum vibrierenden Klang. Sie wird durch körperliche Resonanz und elektronisch erzeugte Loops einerseits feinsinnig gestaltet und andererseits über ihre Verbindung zur Bewegung und Illustration verstärkt. Es handelt sich um kreative Praktiken, denen die von der Performerin aus einer tiefgreifenden Reflexion über das Bild und die Metapher der Spirale entwickelt wurden und die in der Performance durch die besondere Verbindung zu Kostüm und Licht gezielt weiter vertieft werden.

In meiner Vorstellung öffnet sich ein solcher Einsatz der Stimme einem beständigen Wandel zwischen den Formen. Darüber hinaus und noch wichtiger: sie öffnet sich in wahrhaft nicht-binärer, transsexueller Weise von wiederkehrenden figurativen Begriffen hin zu immersiven Formen der Abstraktion. All dies führt zur umfassenden Vision eines Ortes und einer Zeit, wo Sprache (ebenso wie die Musik) nicht die Stimme und ihren Klang festschreibt – was Anjeline de Dios bewusst zu verlernen sucht – und nicht länger gesprochen oder für jemand gesprochen wird, sondern selbst spricht und schließlich das Plural selbst als unvermeidliche Zukunft singt.

So könnte letztlich das Paradoxon im Kern dieser abstrakten Methodik in der Praxis der Modulation zu finden sein, in der Anjeline selbst die verschiedenen Orte ihres Klangs verbinden kann. Dabei ergründet sie, was die Pädagogik einer zukünftigen Klanggemeinschaft sein könnte, in der der Chor nicht länger die stimmliche Autonomie ersetzt, sondern zu einer ‚tekhne‘, einer Kunstform klanglicher Unterschiede und Abweichungen wird, die nur um ihrer selbst Willen erklingen, weil die betreffenden Stimmen füreinander da sind, auch wenn sie immer wieder von der Unendlichkeit weltlicher Einsamkeit umhüllt werden.

Was für eine glückliche Ehre, dass mir die Gelegenheit zuteilwurde, die Dramaturgie dieser großherzigen Stimme zu ergründen!