strings of love and rage

Elischa Kaminer, Angela Wai Nok Hui, Mayah Kadish und Mikołaj Rytowski

© Talisa Frenschowski
© Talisa Frenschowski
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© Dimitri Djuric
Elischa Kaminer / MOSES & SALOMÉ - ‘really mean it /(just the way that lovers do)’ X The Glasshouse
Auf dem Bild sind drei Performer*innen auf einer Bühne. Ein Performer in orange-braunem T-Rex Kostüm zieht dem anderen Performer gerade das T-Shirt aus. Die dritte Peron spielt im Hintergrund Geige. Außerdem stehen Mikrofone in Ständern auf der Bühne.
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© Rob Irish
Rote Blütenblätter und zwei Murmeln.
© Elischa Kaminer
© Rob Irish
© LKlub Mózg
© Paul Taro Schmidt

strings of love and rage

Elischa Kaminer, Angela Wai Nok Hui, Mayah Kadish und Mikołaj Rytowski

In seiner neusten Arbeit „strings of love and rage“ lädt der Komponist, Performer und Theatermacher Elischa Kaminer zu einem bewegenden szenischen Konzert ein, das Verflechtungen zwischen experimenteller Musik, Avant-Pop sowie jüdischen liturgischen und traditionellen Gesängen (Zemirot) entstehen lässt. Gemeinsam mit seinem Ensemble aus virtuosen Musiker*innen – der Geigerin Mayah Kadish und den Perkussionist*innen Mikołaj Rytowski und Angela Wai Nok Hui – sucht Kaminer nach Formen des kollektiven Spielens, Trauerns und Musizierens in Zeiten von Krisen und beschwört eine neue aufbrausende und gleichsam zarte queer-jüdische Liedtradition.

Infos
  • Dauer: ca. 2 Stunden 50 Minuten inklusive Pause
  • Lautsprache: Englisch
  • 29.11. im Anschluss Gespräch
  • Mousonturm-Koproduktion
  • Uraufführung


Barrierefreiheit

Barrierefreiheit des Spielorts

Der Veranstaltungsort ist mit Rollstuhl zugänglich. Es ist ggfls. ein Aufzug vorhanden.
Eine Barrierefreie Haltestelle befindet sich in der Nähe des Veranstaltungsorts.
Der Veranstaltungsort verfügt über eine barrierefreie Toilette.
Behindertenparkplätze in der Nähe des Veranstaltungsortes vorhanden.
An diesem Spielort sind Assistenzhunde willkommen!
Beteiligte und Förderer

Künstlerische Leitung, Komposition und Performance: Elischa Kaminer
Performance und Improvisation (Geige): Mayah Kadish
Performance und Improvisation (Perkussion): Mikołaj Rytowski
Performance und Improvisation (Perkussion): Angela Wai Nok Hui
Choreografische Mitarbeit: Jungyun Bae
Dramaturgische Mitarbeit und Outside Eye: Janna Pinsker
Outside Eye: Gil Hoz-Klemme
Produktionsleitung: Pamina Rottok
Produktions- und Ausstattungsassistenz: Niki Stäudte
Licht: Matthias Rieker
Ton: Jan Laekemaeker

Dank an: Rebecca Ajnwojner, Marcus Dross, Aviva Kaminer, Isidor Kaminer, Ilona Kaminer, Anne Kleiner, Alex Paxton, Leander Ripchinsky, Carsten Schrauff, Maximilian Zahn, im Cape, Paula und Eva von Convivio Vegetariano Collevecchio, das gesamte Bühnenteam des Mousonturms, Arthur Romanowski

Koproduziert von Künstler*innenhaus Mousonturm Frankfurt am Main, gefördert durch die Stadt Frankfurt und das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur.

Biografien

Elischa Kaminer arbeitet als Komponist, Performer und Theatermacher an den Schnittstellen von experimenteller Musik, Musiktheater, queerem Pop, elektronischer und jiddischer Musik. Kaminers Arbeiten wurden in Europa, den USA, Kanada und Korea aufgeführt und  u.a. zum Berlin Performing Arts Festival, Favoritenfestival und Impulsefestival eingeladen. Aufführungen u.a. am Muziekgebouw Amsterdam, an der Music Gallery Toronto, Roy O. Disney Hall Los Angeles, St. John’s Smith Square London. 21 - 23 war Elischa Kaminer Associate Composer beim britischen Plattenlabel NONCLASSICAL und wurde 2024 als Artist in Residence an das Britten Pears Arts Centre sowie das Glasshouse International Centre for Music eingeladen. 2025 gründete er sein eigenes Plattenlabel JONAH RECORDS. Kompositionsstudium an der Royal Academy of Music gefolgt von einem Masterstudium am Institut für Angewandte Theaterwissenschaften Gießen. www.elischakaminer.com

Angela Wai Nok Hui ist eine in London und Hongkong lebende Perkussionistin und Klangkünstlerin. Sie verwendet Sounds, die nicht dazu bestimmt sind, die wahre Geschichte des Lebens zu erzählen, und nutzt Klangelemente, um die Aufmerksamkeit auf das Phänomen des Aktivismus und der Selbstliebe mit einem bitteren Nachgeschmack zu lenken. angelahuiwainok.com

Die Violinistin und Musikerin Mayah Kadish ist in vielen Musikrichtungen zu Hause – vom frühen Barock bis zum experimentellen Musiktheater, von zeitgenössischer Klassik bis zum Pop. Sie arbeitet begeistert an der Schaffung neuer Musik mit, und ihre eigenen Kreationen leben in einem knarrenden zeitgenössischen Raum, der manchmal diese unterschiedlichen Welten miteinander verbindet. Als Performerin und Komponistin ist irhe Arbeit oft mit Tanz verbunden. Mayah tritt international als Solistin in Konzertsälen wie dem Londoner Barbican (UK), dem Amsterdam Muziekgebouw (NL), der Luzerner Oper (CH), der Volksbühne Berlin (DE), Sadler’s Wells (UK), der TSB Arena Wellington (NZ), der Haarlem Philharmonie (NL) und dem Staatstheater Wiesbaden (DE) auf. Sie ist viel mit ihren Gruppen La Vaghezza, s t a r g a z e und den Mitgliedern des Ensemble x.y aufgetreten. Mayah wurde in Rom geboren und wuchs in London auf, wo sie am King’s College Philosophie und an der Royal Academy of Music Violine studierte. Sie studierte Barockvioline bei Enrico Onofri in Palermo.

Mikołaj Rytowski ist ein vielseitiger Instrumentalist mit Wurzeln in Perkussionbereichen, die von konventionellen Normen abweichen, um Klang und Kreativität auf organische Weise zu erforschen. Seine Praxis umfasst Improvisation, Komposition und Performance und geht über die Interpretation hinaus bis hin zur aktiven Teilnahme am kreativen Prozess. Als Schöpfer und Improvisator erweitert er kontinuierlich die Grenzen von Perkussion und elektronischen Instrumenten und experimentiert mit neuen Kombinationen und klanglichen Innovationen. Sein künstlerischer Ansatz geht über die traditionelle Wahrnehmung von Perkussion hinaus und betont die Erforschung und den Ausdruck gegenüber Konventionen. Seine Projekte nehmen oft hybride Formen an und verbinden Instrumentalpraxis mit Elektronik, bildender Kunst und Performance. Er schafft immersive Erlebnisse, die die Grenzen zwischen Interpret, Instrument und Raum in Frage stellen. Seine Werke wurden in verschiedenen Kontexten präsentiert – von intimen Improvisationskonzerten bis hin zu großen interdisziplinären Projekten –, wobei der Schwerpunkt stets auf der Beziehung zwischen Klang, Raum und Publikum lag. www.mikolajrytowski.com

Hinweise zum Inhalt und zu sensorischen Reize
  • Es wird zwei Szenen mit Schreien auf der Bühne geben.
  • Es wird eine Szene mit Gewaltbeschreibungen geben.
  • Es wird laute Momente geben.
  • Es wird stellenweise schnelle, stroboskop-artige Lichtwechsel geben.
Elischa Kaminer im Gespräch

Elischa Kaminer im Gespräch mit den Dramaturg*innen Janna Pinsker, Yossi Herzka & Leander Ripchinsky.

In unserem Vorgespräch hattest du erwähnt, dass das jüdische Prinzip von Tikkun Olam eine wichtige Rolle in deiner Arbeit spielt, magst du das erläutern?

Die Musik, die wir heute spielen, entstand während einer Zeit von persönlichen sowie kollektiven Krisen, einer Zeit von Genoziden, Ecoziden, wachsendem Rechtsruck, Rassismus, Antisemitismus und Queerfeindlichkeit. Die Welt, in die wir schreiend hineingeboren wurden, ist bereits eine zerbrochene Welt und liegt in Scherben. Tikkun Olam beschreibt den Versuch, diese Scherben zu sammeln, neu zu ordnen – oder, wie die französische Rabbinerin Delphine Horvilleur schreibt, „mit der Leere zu flechten“. Meine Praxis versteht sich in dieser Tradition von Tikkun Olam. Darin verflechten sich Schmerz und Freude, Heiliges und Profanes, Sex und Liturgie. Es ist der Versuch, irgendwie mit dieser zerbrochenen Welt umzugehen. Wobei wir als Menschen diesen Scherbenhaufen oft ja aktiv mitverantworten.

In Proben hatten wir immer wieder den Eindruck, dass euer Bühnenbild und die Requisiten für mehr stehen, als das, wofür sie benutzt werden. Oder zumindest spielst du damit, dass eure Bühnenelemente symbolisch gelesen werden können, wie siehst du das?

Vielleicht kann ich deinen Eindruck an einem wiederkehrenden Motiv des Abends erklären, zum Beispiel der Leiter: Zunächst ist sie nur das, eine Leiter zum Arbeiten, damit die Musiker*innen ihre Instrumente spielen können. In der jüdischen Tradition verbindet die Leiter Welten. Im Traum Jakobs steigen Engel die Leiter hinauf und hinab – ein Hin und Her zwischen Himmel und Erde, zwischen einem hier und jetzt und einem woanders. Die Leiter ist hier kein Fluchtweg nach oben, sondern ein Durchgang - ein ständiges auf und ab, das daran erinnert, dass ’Tikkun Olam’ kein gerader Weg ist, sondern ein rhythmisches Pendeln: Ein Annähern und Entfernen, Aufsteigen und Zurückfallen. 

Dieses Pendeln spiegelt sich auch in der Einladung wider, zu einem lustvollen, sinnlichen Nicht-Verstehen. Einige Objekte und Requisiten sind mit Bedeutung aufgeladen, gleichsam vieles – Klänge, Gesten, Bilder, Kostüme, Objekte – entziehen sich einer sofortigen, eindeutigen Bedeutung. Ich glaube, dass gerade in diesem Schwebezustand, in diesem Hin-und Her, in dem der Verstand kurz stolpert, sich ein Raum des Spielerischen öffnen kann: ein Tasten, ein Sich-Verlieren wie in einem Traum oder in einem Bild, dessen Sinn sich nicht vollständig erschließen will und das uns dennoch berührt. In diesem Spiel mit der Unschärfe möchte ich gerne dazu einladen, den eigenen Blick zu lockern, Erwartungen abzustreifen und einzutauchen in eine Welt, in der Bedeutung nicht festgeschrieben ist, sondern gemeinsam gesucht, erfunden, verdichtet – und immer wieder verworfen werden darf. Das Nicht-Verstehen wird so zu einem Ort der Freiheit, an dem neue Verbindungen entstehen können, neue Empfindungen, vielleicht sogar neue Formen eines „Lebens mit dem Zerbrochenen“ (Delphine Horvilleur). Das ist meine künstlerische Suche in dieser Arbeit.

Noch vor dem Einlass hören wir einmal ganz eindrücklich das Schofar, ein Instrument, das sonst eher im Gottesdienst, an Rosh Haschana und Jom Kippur geblasen wird.  Außerdem hast du vorher auch schon die Engel erwähnt, was bedeutet es für dich, diese Elemente aus Liturgien und Ritualen in diesen Abend reinzunehmen?

Die Engel - Malachim – die in ‘strings of love and rage’ beschwört werden, die die Leitern auf- und absteigen, sind für mich keine schwebenden, transzendentalen Wesen. Das Hebräische bezeichnet sie schlicht als „Boten“. Es sind Menschen, Momente, Performer*innen und Verbindungen, die sich kümmern und uns manchmal sogar retten, wenn wir es am wenigsten erwarten: eine Freundin, die uns Pizza mitbringt, ein Lied, das uns in schweren Zeiten begleitet, das gemeinsame Improvisieren am Klavier. In dieser Auffassung sind Engel etwas radikal Irdisches. Unser Konzert stellt die Frage, welche Menschen oder Begegnungen uns in entscheidenden Momenten getragen oder verändert haben – und welchen Engeln wir vielleicht begegnet sind, ohne es zu wissen. 

Auch der Klang des Shofars, des Widderhorns, spielt in dieser Welt der irdischen Engel eine Rolle. Er ist kein seichter Klang, sondern ein Riss. In manchen Auslegungen wird der Schrei des Shofars mit der zitternden Stimme eines Engels verbunden, in anderen mit dem Schrei des Herzens, das geweckt werden will. Der Klang fordert auf: Wach auf. Er ruft uns aus Erstarrung und Vergessen, erinnert an das Unvollendete und an die Arbeit am Zerbrochenen.

Wir sehen im Konzert immer wieder Momente der Wiederholung und auch ein Spiel mit Länge und Kürze, was bedeutet für dich das Arbeiten mit und Nachdenken über Zeitlichkeit in deiner Praxis?

Meine Arbeit ist inspiriert von Chassidischen Musiktraditionen, in denen kurze Melodieteile oft über lange Zeiträume wiederholt werden. Und deshalb spielt das Erleben von Zeit und das Spiel mit Wiederholungen und Transformationen auch in diesem Konzert eine zentrale Rolle. Manche Passagen dehnen sich aus, verweilen, transformieren sich, andere sind flüchtig und tauchen nur kurz auf. Diese Momente von unterschiedlichen Dauern öffnen ein Zeitempfinden, das dazu einlädt, die eigene Aufmerksamkeit neu zu justieren. In meinen Kompositionen spiele ich immer wieder mit der Frage, was geschieht, wenn wir uns auf Wiederholungen, auf Verzögerungen, auf Dehnungen und Transformationen einlassen. In den verschiedenen Dauern wird das Hören selbst zu einer Form von Hingabe: ein Sich-Einlassen auf sowohl das Flüchtige als auch auf das, was nicht vorüber eilt, sondern bleibt. 

Zu Beginn des Abends hören wir zwei Gesänge, zuerst von dir, dann zusammen mit dem gesamten Ensemble.  Was bedeutet für dich die Praxis des gemeinsamen Spielens?

Genau, ausgehend von zwei traditionellen Gesängen (Zemirot) – Shalom Aleichem und Hine Ma Tov – eröffnen wir diesen Abend. Dabei wird die Frage aufgeworfen, wie sich persönliches sowie kollektives Trauma in unsere Körper und in unser Spielen einschreibt. Für mich ist das Spiel, und vor allem das musikalische Spiel, ein Ort, an dem wir uns dem Unaussprechlichen nähern können. Das gemeinsame Spielen, das der Gewalt, die sich durch eigene sowie kollektive Biografien zieht, etwas entgegensetzt: einen Moment der Durchlässigkeit, der Sanftheit, der radikalen Offenheit. Ich sehe meine künstlerische Praxis als einen ständigen Balanceakt zwischen dieser radikalen Verletzlichkeit und Ekstase und suche darin nach Räumen, in denen das Fragmentarische nicht versteckt wird, sondern leuchtet. In unserem Konzert verweben sich persönliche und kollektive Geschichten von Trauma mit jüdischen Gesängen, Avant-Pop und Noise-Musik und verdichten sich miteinander zu einer traumartigen Klanglandschaft — einer Spielwiese, auf der jederzeit alles passieren kann. In meinen Arbeiten begegnen sich hierbei Ritual und Performance, Ironie und Ernst, queere Ästhetiken und liturgische Formen. Ich verstehe Kunst und das gemeinsame Spielen als einen Ort, an dem sich die Risse zeigen dürfen, Erinnerungen neu geordnet werden und etwas Neues entstehen kann: eine Praxis des Hörens, des Zeugnisablegens, des Wandels.