Runnin’

Joana Tischkau

Foto von vier Performer*innen auf einer Bühne. Sie tragen bunte enganliegende Sportkleidung und sind mitten in Bewegungen. Bühnenlicht von hinten macht die Szenerie schlecht erkennbar.
© Lennart Brede
Foto von Bühne in rotem Licht. Vorne steht eine Performerin in Sportkleidung.
© Lennart Brede
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© Lennart Brede
© Lennart Brede

Runnin’

Joana Tischkau

Don’t you know you better run, run, run, run, run, run. – Tracy Chapman

Die Tanzperformance „Runnin’” richtet ein rassismuskritisches Brennglas auf die Inszenierung, Medialisierung und Mystifizierung Schwarzer rennender Körper. Das Erhöhen der Schrittgeschwindigkeit wird zum Anlass genommen, Bilder rassistischer Glorifizierung und Abwertung von allen Seiten zu beleuchten.

In einem Referenz- und Bildsystem zwischen übermenschlicher Athletik und Lebensgefahr ist der Schwarze Körper gleichermaßen mit Projektionen der Gefahr wie auch des Begehrens belegt. Im Leistungssport werden die Erfolge Schwarzer Athlet*innen immer wieder rassistisch begründet, worin sich weiße Fantasien von einem übernatürlich starken und schnellen Schwarzen Körper offenbaren. Im öffentlichen Raum tragen diese Fantasien zur Assoziation Schwarzer rennender Menschen mit Gefahr bei. Der alltäglich beschleunigte Schwarze Körper trifft auf Vorurteile, Misstrauen oder sogar physische Gewalt. „Runnin’” untersucht die politische Dimension dieser alltäglichen Praxis.

Im „pedestrian movement” des postmodernen Tanzes wird Alltäglichkeit als eine Neutralität gesetzt, als gäbe es eine allgemeingültige Form einer Bewegung, die außerhalb jeglicher Referenzrahmen funktionieren könnte. Dabei sind gerade Gang und Bewegungssprache hochgradig codiert und somit erlernt und sozial-kulturell distinguiert. „Runnin’” kratzt an der Oberfläche der behaupteten Neutralität des postmodernen Tanzes und legt erneut ein weißes Kulturverständnis frei.

Die Performenden versuchen aus dem Kreislauf dieser Machtverhältnisse auszubrechen, die bestimmen wer sich in welche Richtungen, an welche Orte und mit welcher Geschwindigkeit bewegen darf. Dabei durchschreiten sie Bewegungsrepertoire kollektiver Affektivität, virtuelle Räume und sogar die evolutionären Schritte des Homo Sapiens.

Neue und bekannte Formen entstehen, wenn die Performenden Formationen im abstrahierten urbanen Bühnenraum annehmen, die von Scheinwerfern und Straßenlaternen ausgeleuchtet werden. Das ständige Kreisen um weiße Phantasmen schreitet zu einer Revolution fort, die widerständig den weißen Blick durch das Suchkreuz erwidert.

Infos
  • Dauer: 80 Min.
  • Keine Sprachkenntnisse erforderlich
  • Fr. 23.01., Einführung um 19:30 Uhr
  • Fr. 23.01., Gespräch im Anschluss mit Fatma Aydemir

Hinweis

  • Stroboskoplicht und Nebel werden eingesetzt.

  • Es kommen real aussehende Wasserpistolen zum Einsatz. Wasserspritzer können das Publikum treffen.

  • Es gibt Passagen mit lauter Musik, Gehörschutz gibt es kostenfrei an Eingang.

Barrierefreiheit

Barrierefreiheit des Spielorts

Zugänglich mit Rollstuhl
Barrierefreie Haltestelle
Barrierefreie Toilette
Behindertenparkplätze vorhanden
Assistenzhund willkommen
Beteiligte und Förderer


Künstlerische Leitung & Choreografie: Joana Tischkau
Performance: Sharlan Adams, Dominique McDougal, Shanice Trustfull, Sophie Yukiko
Sound: Frieder Blume
Kostüme: Nadine Bakota
Mitarbeit Kostüm: Marie Göhler
Grafikdesign Kostüm: Anke Sondi Rumohr
Bühne: Carlo Siegfried
Lichtdesign: Hendrik Borowski
Maskenbild: Lou Willis
Dramaturgie: Nuray Demir, Maxi Menja Lehmann
Outside Eye: Anta Recke
Künstlerische Produktionsleitung: Lianne Mol
Management: Lisa Gehring
Mitarbeit Produktion: Marlene Brandhorst
Motion Capture Training: Ace Ruele (Creative Bionics)
Fotos & Trailer: Lennart Brede / VG Bild-Kunst
Nageldesign: Franky Reyes

Produktion: Joana Tischkau.  Koproduktion: HAU Hebbel am Ufer, Theater RAMPE Stuttgart. Gefördert durch: Fonds Darstellende Künste aus Mitteln des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt und Kulturamt Frankfurt am Main.   

Biografie

Joana Tischkau ist Künstlerin, Choreografin und Regisseurin. Ihren Bachelor in Tanz und Schauspiel absolvierte sie an der School for Performing Arts an der Coventry University in England. Im Master Studiengang Choreografie und Performance am Institut für Angewandte Theaterwissenschaften in Gießen entwickelte sie eine künstlerische Praxis, welche die Diskursfelder von Rassismus, Feminismus, Popularkultur und Schwarzer Deutscher Identität miteinander verschränkt und, abseits didaktischer Ansätze, verhandelt. Ihre Arbeiten PLAYBLACK, BEING PINK AIN’T EASY, Colonastics, DMSUBM, KARNEVAL und YO BRO tourten europaweit und wurden u.a. zur Tanzplattform Deutschland (München & Berlin) dem Impulse Festival NRW, den Wiener Festwochen, dem Radikal Jung Festival in München und dem Brecht Festival in Augsburg eingeladen. 2021 erhielt sie das hessische Atelierstipendium (hap) sowie das erstmalig, von der hessischen Staatsministerin Angela Dorn verliehene, Ottilie-Röderstein-Stipendium des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst. 2024 erhielt Joana Tischkau den Tabori Preis vom Fonds Darstellende Künste.

Drei Fragen an Joana Tischkau zmarłym

Wie gehen für dich Bühnenkunst und Widerstand zusammen?

Ich begreife die Bühne als Möglichkeitsraum, um widerständige Bildwelten zu schaffen. Das heißt: Sehgewohnheiten aufbrechen und alternative Gesellschaftsanordnungen zu imaginieren.

Welche Art Widerstand wünschst du dir innerhalb und außerhalb des Theaters?

Innerhalb des Theaters aber auch außerhalb wünsche ich mir mehr Widerstand gegen den immer stärker werdenden Rechtspopulismus  und die damit einhergehende Sparpolitik in der Kultur und im Sozialen und die gleichzeitig leisen Rückwärtsbewegungen in Bezug auf Diversitätsentwicklungen und Öffnungsversuche vieler Kulturinstitutionen. Widerstand gegen die Rückkehr immer gleicher Körper, Narrative und Machtverhältnisse. 

Was hat dir in der Arbeit an deinem Stück Hoffnung gemacht für noch vor uns liegende Krisen?

Obwohl der Arbeitsprozess sehr fruchtbar und inspirierend war, fällt es schwer, hoffnungsvoll zu bleiben, wenn man bei jedem Projekt das Gefühl hat, es könnte das letzte sein.