„Ich kann gerade nichts ausblenden, das macht mich so verrückt!“
"Angst / Fressen / Männerherzen" ist die Folgeinszenierung zu Menancholia von Amaru Albancando, Nora Frizzi Auerbach, Jakob Boyny und Gil Hoz-Klemme (Premiere 2023 im Frankfurt LAB). Gemeinsam mit dem Chor der melancholischen Männer erforschten sie die Kulturgeschichte der Melancholie, die Unfähigkeit, über Gefühle zu sprechen, und erprobten neue Beziehungsweisen. Ausgehend von einer Recherche über Generationskonflikte mit Vater und Sohn, Vincent Eissing-Boyny und Jakob Boyny, stellt die Stückentwicklung die ganz großen Fragen nach Nähe, Verantwortung und Solidarität.
Jetzt ist der Chor der melancholischen Männer zurück auf der Bühne – jedoch in anderer Besetzung. Männer im Alter von 24 bis 70 Jahren grübeln über ihre Nutzlosigkeit angesichts politischer und persönlicher Krisen: Pflegenotstand, Einsamkeit, Wehrdienst, Zukunftsangst, Kriege, Polarisierung, Klimakatastrophe, Abstiegsangst. Sie teilen ein Gefühl von Ohnmacht und den Wunsch, doch etwas zu bewegen. Sie machen, was sie am besten können: Musik, tanzen, Anekdoten erzählen, miteinander und übereinander sprechen.
Der Chor der melancholischen Männer fragt sich: Was können wir in krisenhaften Zeiten beitragen und voneinander lernen? Und wird es tatsächlich reichen?
Infos
- Dauer: ca. 90 Min.
- Lautsprache: Deutsch und Englisch
- Uraufführung
Barrierefreiheit
Barrierefreiheit der Veranstaltung
Barrierefreiheit des Spielorts
Bei allen Aufführungen werden Gebärdensprachdolmetscher (DGS) eingesetzt. Die Aufführungen werden in Deutsche Gebärdensprache (DGS) gedolmetscht.
Beteiligte und Förderer
Mit: Max Böttcher, Jakob Boyny, Vincent Eissing-Boyny, Juan Benito Corres, Constantin Cosmo Keller, Isaak Kudaschov, Alexander Moog, Martin Nachbar.
Künstlerische Leitung: Nora Frizzi Auerbach und Gil Hoz-Klemme
Bühne: Lina Jebram
Kostüm: Merve König
Sound-Design: Hanna Launikovich
Outside Eye: Ivana Mitrić
Regieassistenz: Aurelie Feucht
Gebärdensprachdolmetscher: Florian Hallex, Massimo Salerno
Ankleiderin: Jule Räsch
Mentorat: Azadeh Ganjeh, Monika Gysel
Foto: Nora Frizzi Auerbach
Plakat: Mathias Eugen Engen
In Kooperation mit der Hessischen Theaterakademie.
Förderer: Hessische Theaterakademie, Kulturförderung der Stadt Frankfurt am Main, Freunde der HfG e.V., Projektförderung der HfG Bereich Bühne/Szenischer Raum, Freiräume Förderfonds, AStA HfMDK, Gesellschaft fder Freunde und Förderer HfMDK.
Biografien
Gil Hoz-Klemme studierte (nach einem Bundesfreiwilligendienst im Stadttheater Minden in der Theaterpädagogik) „Szenische Künste“ in Hildesheim, um dann 2019 in BA Regie an der HfMDK Frankfurt zu wechseln. Hier realisierte Gil neben den Studienprojekten auch interdisziplinäre Arbeiten ("Works on our Druck selfes“ und „Menancholia“). Das Studienprojekt „Gustaf Gründgens / Shame! Shame! Shame!“ wurde zum Symposium der International Brecht Society 2022 in Tel Aviv eingeladen und war auf der shortlist des Körber Studios Junge Regie 2023.
Nora Frizzi Auerbach ist Dramaturgin und entwickelt seit ihrem Studium in Vergleichender Dramaturgie und Performanceforschung außerdem eigene Theaterarbeiten in Frankfurt und Oslo. Sie arbeitet zu feministischer und kritischer Theorie, Erinnerungspraktiken und der Schnittstelle von Tanz und Theater.
"Angst / Fressen / Männerherzen" ist die dritte Zusammenarbeit von Nora Frizzi Auerbach und Gil Hoz-Klemme.
Jakob Boyny studiert Violoncello sowie Schulmusik und Deutsch an der HfMDK und der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Als Bühnenmusiker und Performer ist er im Spektrum Musiktheater aktiv, u. a. im Produktionshaus NAXOS Frankfurt und am Staatstheater Darmstadt. Er war Teil kollektiver Stückentwicklungen und unterstützte als Regieassistent Musiktheaterproduktionen an der DOR Düsseldorf, im Produktionshaus NAXOS und auf Kampnagel in Hamburg.
Lina Jebram, geboren 2002, studiert seit 2022 Bühnenbild/Szenischer Raum an der HfG Offenbach bei Prof. Heike Schuppelius.
Merve Josefine König, geboren 2004, studiert seit 2023 Modedesign an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach am Main bei Professorin Heike Selmer.
Hanna Launikovichaka gutelauni ist belarussische Theatermacherin, Soundkünstlerin und DJ_ane, lebt in Frankfurt und studiert MA Choreografie und Performance. In ihrer Arbeit erforscht sie transgenerationale Traumata, Nostalgie und Dekolonisierung des postsowjetischen Raums durch Klang, Performance Scores und experimentelle elektronische Musik.
Der Chor der melancholischen Männer ist ein loser Zusammenschluss, eine Gruppe, die sich auf unsere Einladung für diese Performance zusammengefunden hat. Jedes Mitglied bringt sein Wissen und Perspektiven ein. Zu seinen Mitgliedern zählen Max Böttcher, Jakob Boyny, Vincent Eissing-Boyny, Juan Benito Corres, Constantin Cosmo Keller, Isaak Kudaschov, Alexander Moog und Martin Nachbar.
Hinweise zu sensorischen Reizen
- Nebel
- laute Musik
- teilweise Dunkelheit
4 Fragen ans künstlerische Team
„Angst / Fressen / Männerherzen“ wird als Fortsetzung zu „Menancholia“, das ihr 2023 im LAB gezeigt habt, angekündigt. An welchem Punkt knüpft ihr an „Menancholia“ an?
Nora: Nach der Auseinandersetzung mit der Unverfügbarkeit der eigenen Gefühlswelt einer Gruppe von männlichen Performern in ihren 20ern wollten wir einen Schritt weitergehen: Wie können unterschiedliche Generationen miteinander in einen Austausch treten, der Möglichkeiten für Zuneigung und körperliche Nähe eröffnet und dabei weiterhin darauf besteht, die eigene geschlechtliche Sozialisation zu reflektieren?
Gil: Als künstlerische Strategie bedienen wir uns auch wieder des Chors der melancholischen Männer. Dieser Chor ist allerdings nicht ein geeinter Körper, sondern ein vielstimmiges, für die Zeit der Aufführung bestehendes Kollektiv, das sich danach aber auch wieder auflöst, also nicht ein Leben über die Performance hinausführt.
Euer Cast besteht aus männlich gelesenen Performern verschiedener Generationen, welchen Einfluss auf eure Arbeit hatte diese Intergenerationalität?
Nora: Für uns war zunächst wichtig, dass wir einen Raum im Prozess öffnen wollten, den wir selbst nur selten erfahren und dabei voneinander lernen können.
Gil: Dabei haben uns sowohl familiäre Konstellationen interessiert als auch Schüler-Lehrer-Verhältnisse.
Wenn man sich die in der Gesellschaft vorhandenen Männerbilder anschaut, findet Angst eher wenig Platz, ihr nehmt sie aber explizit in den Titel auf, wie fiel diese Entscheidung?
Gil: Ich denke, dass wir gerade in vorhandenen Männerbildern sehr viel Angst sehen können – oder zumindest Transformationen von ihr. Gerade bei aggressiven oder klassisch „maskulinen“ Archetypen erkenne ich vor allem eine große Angst vor z.B. Kontrollverlust. Die Reaktion auf diese Angst wäre dann entsprechend eine vor allem Kontrolle ausstrahlende Gebärde.
Nora: Angst ist für mich aktuell sehr präsent: Von Abstiegsängsten über die Angst, bereits erkämpfte Rechte wieder zu verlieren oder allein gelassen zu werden. Männlichkeitsbilder sind für mich besonders spannend im Hinblick darauf, wie man(n) mit solchen Ängsten umgeht, ob sie zwangsläufig zu einer Vereinzelung führen oder auch den Wunsch nach Auseinandersetzung und Konfrontation auslösen können.
Musik spielt eine große Rolle in der Performance. Wie kam es dazu?
Nora: Das ergab sich bereits aus der Konstellation, dass Vincent Eissing-Boyny und Jakob Boyny beide Musiker sind. Uns hat interessiert, welche andere Form der Kommunikation in einer so aufgeladenen Vater-Sohn-Beziehung über das gemeinsame Musizieren möglich ist.
Gil: Aber auch die spezifische Zusammensetzung dieses Chors macht es für uns zwingend notwendig, unterschiedliche Ausdrucksformen von Beziehungsweisen auf der Bühne zu erforschen. Und ehrlich gesagt findet gar nicht soooo viel Musik statt.