Carnoid

Fabrice Mazliah

Das Foto zeigt zwei Performer*innen in einer Bühnenszene mit einem silbernen Auto. Eine Person sitzt im offenen Fond und zieht lange graue Stoffbahnen aus dem Wagen. Eine zweite Person sitzt am Boden davor und hält den Stoff, der Körper und Raum zwischen Auto und Bühne spannt.
© Jörg Baumann
Das Foto zeigt eine Bühnenszene mit einem silbernen Auto. Eine Person kniet neben dem Wagen und stützt sich mit den Händen am Boden ab. Eine zweite Person läuft am Auto vorbei. Im Hintergrund liegt eine weitere Person auf dem Boden.
© Jörg Baumann
Das Foto zeigt drei Performer*innen auf einer Bühne mit einem silbernen Auto. Eine Person kniet auf der Motorhaube und stützt sich mit den Händen ab. Eine zweite Person bewegt sich auf allen Vieren vor dem Wagen. Im Hintergrund liegt eine weitere Person am Boden.
© Jörg Baumann
Das Foto zeigt drei Performer*innen neben einem silbernen Auto auf einer Bühne. Eine Person sitzt im offenen Fond. Zwei weitere knien am Boden und ziehen eine liegende Person an Armen und Beinen aus dem Fahrzeug auf den Bühnenboden.
© Jörg Baumann

Carnoid

Fabrice Mazliah

In „Carnoid“ begegnen sich menschliche und technische Körper und erforschen, in welchem Verhältnis sie zueinander stehen. Mit dieser neuen Arbeit interessiert sich der Choreograf Fabrice Mazliah für die posthumane Durchdringung organischer und technischer Körper und lädt die Performer*innen Ophelia Young, Oleg Stepanov, Jan Chris Pollert dazu ein, sich die Bühne mit einem Auto zu teilen. Zwischen Verschmelzung und Widerstand nimmt das Trio das von Menschenhand erschaffene Ursymbol technischen Fortschritts auseinander und erprobt mögliche Umgangsformen mit diesem unauslöschlichen Relikt unserer Moderne. Aus der Begegnung zwischen Mensch und Maschine entsteht ein fragiles Zusammenspiel aus Nähe und Verwundbarkeit, in dem Kollision und Koexistenz sich näherkommen.

Infos
  • Dauer: circa 70 Min. 
  • Sprache: Englisch
  • 27.03. Gespräch im Anschluss
  • Mousonturm-Koproduktion 
  • Deutsche Erstaufführung 
Barrierefreiheit

Barrierefreiheit des Spielorts

Zugänglich mit Rollstuhl
Barrierefreie Haltestelle
Barrierefreie Toilette
Behindertenparkplätze vorhanden
Assistenzhund willkommen
Beteiligte und Förderer

Choreografie:  Fabrice Mazliah in Zusammenarbeit mit den Tänzer*innen 
Darsteller: Jan Chris Pollert, Oleg Stepanov, Ophelia Young
Dramaturgie: Anne Kersting
Ton, Komposition: Johannes Helberger
Kostüm: Anaïs Meyer
Lichtdesign: Ursula Degen
Bühnengestaltung: Eulalie Déguénon/ Kristof Heinimann
Social Media: Lina Schumacher
Technische Leitung: Lilli Unger
Produktion Basel: Sandro Berteletti
Produktion Frankfurt: Johanna Milz 

Koproduktion: Work of Act, Fabulous Things, Künstler*innenhaus Mousonturm Frankfurt, Kaserne Basel. 

Mit Unterstützung des Fachausschusses Darstellende Künste BL/BS Kanton Basel-Stadt, Basel Landschaft, Amt für Kultur. Gefördert durch den Fonds Darstellende Künste mit Mitteln des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien. Die Recherche für CARNOID wurde durch die Unterstützung des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur ermöglicht. Work of Act wird durch die mehrjährige Förderung der Stadt Frankfurt unterstützt. 

Biografien

Die Choreografien des Schweizer Tänzers Fabrice Mazliah erforschen Prozesse der Verkörperung von Gedanken und Handlungen, sowie Wege zur Neuerfindung der Beziehungen zwischen unserer Umwelt, ihren Ob-jekten, der Sprache und unseren Körpern. Ab 1994 war er Mitglied des Nederlands Dans Theater, 1997-2025 Mitglied des Ballett Frankfurt/The Forsythe Company. Er gründete das Kollektiv MAMAZA mit Ioannis Mandafounis und May Zahry (2010–2014), das Ensemble HOOD (2016–2018) und Work of Act (2018). Mazliah arbeitet international und spielt u.a. bei den Swiss Dance Days; PACT Zollverein, Essen; DeSingel Theater, Antwerp; Kunstenfestivaldesarts, Brussels; Lyon Opera Ballet; Théâtre de la Ville, Paris; und VeniceArchitecture Biennale. Im Jahr 2024 ist Mazliah Artist in Residence im Künstler*innenhaus Mousonturm und am Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik in Frankfurt. Seine aktuellsten Werke sind: „Bodies“ (2023), für 6 Tänzer*innen / The Ends of Things, The Things of Ends (2024) für die Tanzkompanie des Theater Basel / „SHEELA“ (2024) mit 6 Performer*innen / „Cite In Site In Sight“ (2025) für die Absolvent*innen der KHIO in Oslo / „BONES“ (2025), in Zusammenarbeit mit Claude Janssen / „making a sullen roar (as the wind does)“ 2025, für und mit dem in Zürich ansässigen Kollektiv dance me to the end.

Jan Pollert ist ein in Deutschland geborener Tänzer & Performer. Nach seinem Abschluss an der Folkwang Universi-tät der Künste tanzte er 2023/24 und 2024/25 am Theater Basel. Seit dieser Spielzeit arbeitet er als freischaffender Tänzer. In seiner bisherigen Laufbahn hat er mit einer Vielzahl wichtiger zeitgenössischer Künstler*innen zusammen-gearbeitet: u.a., Bobbi Jene Smith, Maria La Ribot, Saburo Teshigawara, Tilman O’Donnell, Erna Ómarsdóttir & Halla Ólafsdóttir, Alia Luque, Vlatka Horvat & Tim Etchells, Susanna Curtis sowie das Kollektiv MINT-400.

Ophelia Young, gebürtige New Yorkerin, aufgewachsen in Oberösterreich, ist Tänzerin und Performerin. Nach ihrer Ausbildung an der Folkwang Universität der Künste in Essen war sie 8 Jahre Teil des Ensembles Tanztheater Wuppertal Pina Bausch und war in ca.25 Stücken der Choreografin inter-national auf der Bühne zu sehen. Seit 2021 ist sie freischaffende Performerin, war 2023/24 festes Ensemble-mitglied am Ballett Basel. Seit August 2024 ist sie LAB-Artist an der Kaserne Basel. Sie arbeitete u.a. mit: Artmann&Duvoisin, Ben J.Riepe, Bobbi Jene Smith, Dimitris Papaioannou, Fabrice Mazliah, Lila Zoé Krauß, Saburo Teshigawara, Tim Etchells.

Als Tänzer, Choreograf und Musiker ist Oleg Stepanov ein vielseitiger Künstler: Im russischen Ural geboren, lebt er seit 2016 in Deutschland und der Schweiz. Nach seinem ersten Universitätsabschluss in Physik widmete sich Oleg der Kunst. Er tanzte zwei Spielzeiten lang beim Ballett Basel, drei Jahre lang bei der Göteborg Dance Company und sieben Jahre lang beim Tanztheater Wuppertal Pina Bausch. Er arbeitete mit renommierten Choreograf *innen wie Dimitris Papaioannou, Saburo Teshigawara, Sidi Larbi Cherkaoui, Alan, Lucien Oyen, Constanza Macras, Bobbi Jene Smith, Uri Ivgi & Johan Greben und Fabrice Mazliah zusammen. Oleg hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, darunter „Tänzer des Jahres” 2022 für seine Rolle in Ri- chard Siegals und Anish Kapoors „Ectopia” (verliehen vom deutschen Tanzportal „Tanz”).

 

Hintergrund

Neben „car‘“steckt im Titel „Carnoid‘“die lateinische Wurzel carn- (von carō, carnis, f.) und bezieht sich auf das Fleisch als Substanz, den menschlichen Körper oder Leib, während das Suffix -oid „ähnlich“ oder „gleich“ bedeutet.

Fabrice Mazliah startete das Projekt mit der Frage, in welchem Verhältnis menschliche und technologische Körper zueinander stehen. Was passiert, wenn Organisches und Mecha- nisches aufeinandertreffen? Wo beginnt die Augenhöhe, das (animistische) Interesse, die Verschmelzung, der Widerstand? Jan Chris Pollert, Oleg Stepanov und Ophelia Young, die bereits mit Fabrice Mazliah am Theater Basel gearbeitet haben, teilen sich die Bühne mit einem Auto: Eines der grössten Symbole unserer technologischen Moderne und ein Relikt unseres Fortschritts, das wir womöglich nicht mehr loswerden. „Carnoid“ nimmt eine posthumane Perspektive ein und sucht nach den Bewegungen eines möglichen Zusammen- lebens. Aus der Begegnung zwischen Mensch und Maschine entsteht ein fragiles Zusam- menspiel aus Nähe und Verwundbarkeit, in dem Kollision nicht zwangsläufig zum Unfall, sondern zu einem Gegenüber führt. Mit einer kritischen Distanz zum Alltäglichen wird das Auto zu einem nahbaren Mitkörper. „Carnoid“ hebt die binären Gegensätze von Mensch und Maschine auf und interessiert sich für die hybride Existenzform beider.

„Der Mensch ist nicht nur der Erfinder der Maschinen, ihr lebender Interpret oder gar der ständige Organisator einer Gesellschaft technischer Objekte. Er befindet sich unter den Maschinen, die mit ihm zusammenarbeiten, und gemäss der animistischen Metaphysik arbeitet er gleichzeitig in ihnen. So sehr man sagen kann, dass das, was in Maschinen steckt, menschliche Realität ist, menschliche Gesten, die in funktionierenden Strukturen festgehalten und kristallisiert sind, so sehr kann man umgekehrt behaupten, dass ein Teil des Menschen aus der Realität der Objekte besteht. Maschinen hingegen bearbei- ten den Menschen, durchdringen ihn und investieren in ihn. Das macht ihren androiden Charakter aus.“

Achille Mbembe, Die terrestrische Gemeinschaft