Hofmann&Lindholm

(Köln)

Nebenschauplätze Nr. 1: Das 20. Jahrhundert. Re-Enactment flüchtiger Erscheinungen

Saal

Theater

Hofmann&Lindholm betreiben eine Maschine, mit der sie Schatten der Vergangenheit reanimieren und in den Bühnenraum projizieren. Ausgangspunkt ihrer medialen Rekonstruktionen sind historisch überlieferte Situationen, die sich im 20. Jahrhundert in Innenräumen ereignet haben. Ebenso überraschend wie sinnfällig steuert die aktuelle Arbeit des Kölner Künstlerduos dabei zielstrebig ins Abseits und betreibt verdunkelnde Aufklärung: Denn die Maschine entzieht der Historie ihren vordergründigen Glanz, raubt Tisch, Stuhl, Mensch die Leuchtkraft und folgt ausschließlich den Schatten, die ein bestimmtes Ereignis hervorgebracht hat. Nebenschauplätze Nr. 1 ist ein Kabinettstück flüchtiger Erscheinungen, eine Sammlung lichtheller Momentaufnahmen, in denen das Theater als Gedächtnisraum (der Projektionen) bespielt und kommentiert wird.

Liebe Elena,
die Arbeit heißt ‚Nebenschauplätze Nr.1: Das 20. Jahrhundert’. Ausgangssituation ist eine schwarze Guckkasten- bzw. Theaterbühne, die das Publikum – erhöht sitzend – betrachtet. In diesen Raum möchten wir historische Zimmer projizieren, die wir aus einer Recherche über geschichtsträchtige Ereignisse des 20. Jahrhunderts ableiten. Unser Augenmerk gilt dabei jedoch nicht der klassischen Abbildung einer Situation, sondern den mutmaßlichen Verläufen realitätsnaher Schatten (die diese Situation erzeugt hat). Wie ich Dir bereits geschrieben habe, fallen – und das ist der Clou – sämtliche Gegenstände, Möbel und Personen, von denen die Schatten ausgehen, weg. Die Position der jeweiligen Lichtquelle (Fenster, Tür, Luke etc.) soll variieren. Sie könnte sich an der Stirnseite befinden, links, rechts, oben oder frontal (in dem Fall wäre sie als solche für das Publikum nicht sichtbar). Wir sind in unserem Modellversuch von einem gegenüberliegenden Fenster ausgegangen,
wie Du sehen wirst. Der Protagonist, der sich zeitweise in dem Zimmer aufhält, soll entweder durch den dazugehörigen Text (z.B.: ‚Otto Hahn wartet auf einen Anruf von Adolf Hitler’) identifiziert werden können oder aber durch die Schattenzeichnung der Körperkonturen bzw. des Profils. Dasselbe gilt für Elemente, die die Situation kennzeichnen, von der die Rede ist, wie in diesem Beispiel das Telefon. Für uns ist besonders interessant, dass die Schatten aufgrund wechselnder Lichtverhältnisse in ihrer ‚Textur’ variieren, also konkret zeichnen oder diffus ausbrechen, sich komplett verlieren und – natürlich – durch den Raum wandern und ihn dadurch überhaupt erst öffnen. Wir erfahren durch den Schattenverlauf nach und nach von der Existenz einzelner Möbel, von Gegenständen und Personen und thematisieren zugleich die Flüchtigkeit ihrer Erscheinungen. Dabei spielt alles, was sich außerhalb des Raumes befindet keine Rolle. Das Wetter hat zwar Auswirkungen, soll aber vor dem Fenster nicht abgebildet werden. Die Fenster münden ins Leere. Sag, was Du denkst.
Schöne Grüße!
H&L

Hannah Hofmann und Sven Lindholm setzen interdisziplinäre Konzepte um, die zwischen szenischer, bildender und akustischer Kunst changieren. Auf diese Weise sind seit 2000 Stadtrauminterventionen, Theaterabende, Hörstücke, Lectures, Installationen und Filme mit Koorperationspartnern wie dem Schauspiel Köln, dem Museum Ludwig, dem Frankfurter Kunstverein, PACT, dem FFT oder Deutschlandradio Kultur entstanden. Darüber hinaus hatten
sie zahlreiche Lehraufträge inne, gaben Workshops und Lectures im Rahmen internationaler Festivals, für Institutionen, Akademien, Hochschulen und Universitäten.

Konzept/Text/Regie: Hofmann&Lindholm
 * Raum: Hofmann&Lindholm, Jan Sickinger * Animation: Jan Sickinger, Oli Monn
 * Ton: Hofmann&Lindholm, Peter Harrsch
 * Assistenz: Milena Cairo
, Anna Schewelew * Sprecher: Roland Görschen * Mit: Milena Cairo, Roland Görschen, Jovan Halfmann, Milla Halfmann, Silke Halfmann, Petra Heim,  Christina Hengefeld & Nala, Hannah Hofmann, Lena Hintze, Jean Maurice Kaczmarek, Werner Kraemer, Sven Lindholm, Jan Mallmann-Kallenberg, Edda Monn, Oli Monn, Thomas Peter, Matthias Peters, Tobias Philippen, Simon Rausch und Jan Sickinger

Besonderer Dank an: Egbert Mittelstädt, Eva Maarika Schmitz, Cihan Hazar (diefarbenull) und Schauspiel Köln

Eine Koproduktion von Hofmann&Lindholm mit dem Künstlerhaus Mousonturm, dem FFT (Düsseldorf) und PACT Zollverein (Essen). Im Rahmen der Frankfurter Positionen 2013. Gefördert vom Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrheinwestfalen, sowie der Kunststiftung NRW.
 

„Das Experiment von Hofmann&Lindholm zeigt, dass es eben doch sprechende Gesten gibt, die zu Erinnerungsträgern werden und in ähnlicher Weise einen historischen Schauplatz heraufbeschwören wie Demands Tatorte die flüchtigen Täter. Nicht Optik und Hirnforschung allein können erklären, wie das Bildgedächtnis funktioniert, das wir uns als ein Vermögen des ganzen Körpers vorstellen müssen. Wie machen dann Bilder Geschichte? Indem sie Bewegungsabläufe fixieren, in die man wie von selbst wieder hineinfindet.“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung am 23.04.2012 anläßlich der Präsentation von „Serie Deutschland“)

 

Uraufführung. Künstlergespräch am Freitag im Anschluss an die Aufführung.